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Donnerstag
01.04.2021

Medien / Publizistik

Eine Impfstoff-Produktionslinie in Visp war für den Bund offenbar in greifbarer Nähe, wie der «Tages-Anzeiger» publik machte... (Bild: Lonza Ltd)

Das Hin und Her zwischen dem Bund und Lonza wegen eines Impfstoffes sorgt weiter für Schlagzeilen: Nachdem Bundesrat Alain Berset eine «Tages-Anzeiger»-Recherche dementierte, bestätigte der Lonza-Verwaltungsratspräsident Albert Baehny in der «NZZ am Sonntag» Informationen über eine Impfstoffproduktionslinie für die Schweiz.

Das wiederum freut Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser: «Unsere Recherche war korrekt», sagte Rutishauser gegenüber dem Klein Report.

Nun schaltet sich aber noch das Parlament wegen widersprüchlicher Aussagen in die Lonza-Affäre ein.

Hat der Bund eine grosse Chance verpasst, die Schweiz schneller mit Impfdosen zu versorgen? Diese Frage, die auf einen Bericht im «Tages-Anzeiger» von Mitte März zurückgeht, wird nun Teil einer Untersuchung der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates (GPK-N).

Die Kommission hat beschlossen, sich mit «den Kontakten zu befassen, die es im Frühjahr 2020 zwischen den Bundesbehörden und dem Unternehmen Lonza hinsichtlich der Produktion von Impfstoff in Visp gegeben hatte», schrieb die GPK-N am Dienstag. Dabei soll auch untersucht werden, ob die Schweiz «einfacher Zugang zum Moderna-Impfstoff hätte erhalten können».

Hintergrund sind Medienberichte und Aussagen vom Bund: Gesundheitsminister Alain Berset sagte an einer Medienkonferenz vom 12. März, dass es «keine Offerte» von Lonza gegeben habe. Damit dementierte der SP-Bundesrat eine Recherche des «Tages-Anzeigers», die zeigte, dass der Pharmakonzern dem Bund eine Produktionsanlage des Moderna-Impfstoffs im Wallis angeboten hatte.

Berset sagte lediglich, dass zwar Gespräche zwischen Lonza und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) stattgefunden hätten, aber dabei sei es nur um Investitionen gegangen. Nach diesem Wirrwarr sah sich der «Tages-Anzeiger» zu diesem Zeitpunkt gezwungen, eine Korrekturmeldung zu veröffentlichen.

Doch zwei Wochen später, am 29. März, brachte die «NZZ am Sonntag» den Stein wieder ins Rollen. In einem Interview behauptete Lonza-Verwaltungsratspräsident Albert Baehny, dass eine eigene Impfstoffproduktionslinie für die Schweiz eben doch im Gespräch gewesen sei. Und zwar ganz konkret als «Option unter anderen denkbaren Möglichkeiten», so Baehny zur «NZZ am Sonntag».

Diese Aussage sorgt beim «Tages-Anzeiger» für Genugtuung: «Albert Baehny bestätigt unsere ursprüngliche Information», sagte Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser am Dienstag gegenüber dem Klein Report. «Unsere Recherche war korrekt», fügt Rutishauser an.

Das BAG selbst hat als Reaktion auf das Interview ein Sitzungsprotokoll publiziert, das zeigt, dass eine Produktionsstrasse nur für die Schweiz kein Thema war. «Es gab offenbar unterschiedliche Wahrnehmungen. Mir scheint, es waren alle nervös, und niemand wollte einen Fehler machen», schätzt Rutishauser dieses Vorpreschen des Bundes ein.

In der Affäre um eine Impfstoffproduktion steht es damit nach wie vor Aussage gegen Aussage. An der Kommunikation der Behörden lässt der Chefredaktor kein gutes Haar: «Ich bin erstaunt, dass man so explizit dementierte. Irgendwie flüchtet man sich jetzt in die Semantik, was denn genau ein Angebot ist», so Arthur Rutishauser auf Nachfrage des Klein Reports.

«Es gab ja tatsächlich keinen pfannenfertigen Vorschlag, sondern einen Vorschlag, ein Projekt zusammen zu machen. Ich hätte es gut gefunden, wenn man beim Bund mehr Mut gehabt hätte», bilanziert Rutishauser.