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Sonntag
23.10.2016

Medien / Publizistik

Can Dündar sprach an der Buchmesse

Der diesjährige «Raif Badawi Award» der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ging an das Flüchtlingsprogramm des «Dange NWE»-Radio aus Hlabja in Irak. Das Radio startete 2005 als Frauen- und Jugendradio.

Die Preisträgerinnen arbeiten unter den härtesten Bedingungen für eine bessere, demokratische Welt. Gegen alle Bedrohungen hören sie nicht auf, Frauen und Flüchtenden eine Stimme zu geben. Das Radio ermöglicht Frauen und Jugendlichen finanzielle Unabhängigkeit und fördert den Kampf gegen Unterdrückung. Gleichzeitig tragen die Beiträge zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Religionen und Ethnien bei: Von Flüchtlingen zu Flüchtlingen wird berichtet und erklärt. Ganz grossartig und enorm schade, dass darüber in den Schweizer Medien kaum berichtet wird. Regula Stämpfli war an der Frankfurter Buchmesse an der Preisverleihung dabei und berichtet für den Klein Report.

Laudator der Veranstaltung war Can Dündar, der engagierte ehemalige Chefredaktor von «Cumhuriyet». Der Mann, der schon vor einem Jahr von Erdogan ins Gefängnis geworfen wurde, weil er und sein Kollege Erdem Gül die Exporte des türkischen Autokraten an die syrische Rebellen öffentlich gemacht hatten.

Die türkischen Verfassungsrichter sahen in der Festnahme von Dündar und Gül jedoch einen Übergriff des Staates und so kamen die Journalisten frei – ein Glück des Schicksals. Denn seit dem Ausnahmezustand werden massenweise Richter entlassen, die dem türkischen Autokraten mit Recht die Macht beschneiden.

Can Dündar kann nicht mehr in sein Land zurück, er lebt inkognito irgendwo in Deutschland (dessen Türken laut Medienberichten schockierenderweise zu über 90 Prozent Erdogan wählen). Dündar war nicht nur Lautador, sondern Überraschungsgast auf dem «Blauen Sofa» – was dem ZDF hoch angerechnet werden sollte, denn der Druck auf die deutschen Medien durch die türkische Regierung ist nicht zu unterschätzen. Can Dündar ist ein ruhiger, besonnener Mensch mit klaren Worten: Die Türkei hat sich zum «grössten Gefängnis für Journlisten» gewandelt.

In einem Appell, der alle erschauern liess, da die postmoderne Inszenierungen oft vergessen lassen, dass das, was vor unser aller Augen in der Türkei passiert, schliesslich auch uns treffen wird, plädierte Can Dündar für ein Engagement von uns allen, aber vor allem von Verlagen, Universitäten und Politikern.

Sie sollen die Inhaftierten besuchen, sie sollen berichten, sie sollen den Druck spüren, um ihn an die Türkei weiterzugeben. Wir brauchen einander: Alle, die für Demokratie, Säkulärismus, Vielfalt und Menschenrechte kämpfen. Höchste Zeit, die Medienschaffenden realisieren, wie notwendig die Solidarität über die Grenzen hinweg ist.

Die Türkei ist nur ein Schritt von unser aller Realität entfernt – dies sage ich nicht zuletzt mit Blick auf Ungarn, Polen und den Ausnahmezustand in Frankreich.