Content:

Dienstag
29.01.2019

Medien / Publizistik

Bissig, pointiert und meinungsstark, so könnte man die Journalistin und Autorin Michèle Binswanger bezeichnen. Die Redaktorin aus dem Ressort Hintergrund des «Tages-Anzeigers», die sich schwerpunktmässig mit Frauenthemen auseinandersetzt, ist am Montagabend als «Gesellschaftsjournalistin des Jahres» ausgezeichnet worden.

Binswanger erhielt den Preis der Fachzeitschrift «Schweizer Journalist» bereits zum dritten Mal. Im Interview mit dem Klein Report erklärt sie, weshalb feministische Themen im Jahr 2019 wichtiger sind denn je und sagt, welche Fragen auch nach ihren Recherchen zur #MeToo-Affäre noch offen sind.

Was freut Sie besonders an der Auszeichnung als «Gesellschaftsjournalistin des Jahres»? Oder anders gefragt: Ist Ihnen diese Form der Anerkennung wichtig?
Michèle Binswanger: «Diese Auszeichnung freut mich ganz besonders. Anders als bei anderen Journalismus-Preisen, ist es hier nicht ein kleines Juryteam von zwei oder drei Leuten, die aus manchmal hunderten Texten den ‚besten’ wählen müssen, also den, der ihre Vorstellung von dem, was momentan angesagt ist, am besten bedient. Da ich sehr polarisiere, werde ich wohl nie sowas gewinnen. Im Unterschied dazu kommt die Auszeichnung des ‚Schweizer Journalisten’ demokratisch zustande, es ist eine Abstimmung unter Kollegen.»

Sie gewinnen diesen Preis zum dritten Mal. Was unterscheidet Sie von Ihren Kolleginnen und Kollegen, was machen Sie anders?
Binswanger: «Vielleicht eine gewisse intellektuelle Unabhängigkeit. Ich will keinem bestimmten Publikum gefallen, ich will auch nicht in erster Linie eine politische Linie bedienen. Mich faszinieren menschliche Abgründe, ambivalente und schwierige Geschichten, und ich bin relativ angstfrei. Deshalb gelingt es mir wohl, überraschend zu bleiben.»

Weshalb sind Sie prominenter als viele Ihrer Journalisten-Kollegen, und wie wichtig ist Ihnen die Pflege der «Marke» Michèle Binswanger?
Binswanger: «Ich habe oft pointierte Meinungen und vertrete die auch leidenschaftlich gegen jeden, der sie angreift – gute Voraussetzungen für ‚Prominenz’, bzw. Aufmerksamkeit. Ich habe nie versucht, eine besondere ‚Marke’ zu sein, zum Beispiel agiere ich in den sozialen Medien total nach dem Lustprinzip. Dass ich trotzdem so wahrgenommen werde, liegt wohl an einer gewissen Konstanz in meiner Arbeit. Ich versuche immer, unvoreingenommen an meine Stoffe heranzugehen, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und natürlich exzellent zu schreiben. Das ist mir sehr wichtig.»

Sie widmen sich in Ihren Stories generell feministischen Themen. Dazu sind Ihre Recherchen zum Thema #MeToo herausgestochen. Treffen Sie damit einen Nerv der Zeit?
Binswanger: «Feministische Themen haben mich schon als Jugendliche fasziniert, sowohl akademisch wie auch ganz praktisch: Was bedeutet es, eine Frau zu sein in einer Welt, die Frauen jahrhundertelang als minderwertig betrachtete? In den letzten Jahren ist eine ‚feministische Haltung’ unter jungen Journalistinnen fast Pflicht geworden, wobei damit ein politisch eng definierter, akademischer Feminismus gemeint ist.»

Wie meinen Sie das genau?
Binswanger: «Gerade junge Journalistinnen beackern dieses Feld heute gern, leider aber beten viele dabei nur Gemeinplätze herunter und fordern sich nicht heraus. Ich finde es aber wichtig, klar zwischen Journalismus und Aktivismus zu unterscheiden. Aus diesem Grund wird mir auch zuweilen vorgeworfen, ich sei ,zu wenig feministisch’, vielleicht weil ich eben mehr Journalistin als Aktivistin bin. Gerade deswegen haben mich die #MeToo-Recherchen besonders gereizt: Weil man mit ganz strengen journalistischen Methoden ein Thema von solcher gesellschaftlichen Relevanz bearbeiten kann.»

Wenn Sie auf Ihre Arbeit des letzten Jahres zurückblicken: Was nehmen Sie persönlich mit, was wird Ihnen noch lange in Erinnerung bleiben?
Binswanger: «Journalistisch waren es die #MeToo-Recherchen, die mir in Erinnerung bleiben werden, weil ich daraus wieder viel gelernt habe. Ohnehin ist das ganze Thema immens spannend, auch vom Aspekt her, eigene Überzeugungen zu hinterfragen: Was hat man in den knapp eineinhalb Jahren erreicht? Wo sind die Grenzen der Bewegung? Hat sie mehr Gerechtigkeit gebracht oder neue Ungerechtigkeiten geschaffen? Wo ist sie übers Ziel hinausgeschossen? Was sind die nächsten Schritte?»