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Mittwoch
19.4.2017

TV / Radio

Ein Baby - frisch aus dem Reagenzglas

Der philosophische Stammtisch der «Sternstunde Philosophie» stellte sich erst kürzlich folgenden Fragen: «Dürfen Frauen mit 60 schwanger werden? Haben Embryonen Rechte? Was spricht gegen Designerbabys? Und warum sollen wir Menschen uns nicht verbessern, wenn es technisch machbar ist?».

Dr. Regula Stämpfli, Philosophin und Expertin bei der internationalen Gruppe zur Abschaffung der Leihmutterschaft, diskutiert am Beispiel dieser und anderer Sendungen des Formats «Sternstunde» für den Klein Report die von der Öffentlichkeit unbemerkt klare ideologische Positionierung der «Sternstunde Philosophie.»

Eine ideologische statt philosophische Diskussion, die sich ausschliesslich zugunsten der künstlichen Reproduktion, zugunsten der industriellen Embryonenverwertung sowie zugunsten der unbeschränkten Leihmutterschaft einsetzt. Der Handel mit «Menschenfleisch» wird als solcher nie kritisch, sondern höchst technokratisch thematisiert, was angesichts der internationalen Debatten in den Fragen zum Biokapital sehr fragwürdig ist.

Die «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens (SRF) vertritt den Anspruch, grosse Fragen mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu beantworten. Bei der Sendung «Wie dürfen wir Kinder machen?» vom 5. März 2017 wurden die hohen Anforderungen an ein populär-wissenschaftliches Gespräch vernachlässigt. Dies ist nicht das erste Mal, dass die «Sternstunde Philosophie» bezüglich Designerbabys, Uralt-Mutterschaften, der Rechte für behinderte Menschen, Embryonenauslese – kurz aller Fragen der aktuellen Menschenproduktion – ausschliesslich die Position der Reproduktionsindustrie vertritt und diese auch noch als «feministisch» und «freiheitlich» verkauft.

2015 wurde dem Euthanasie-Befürworter Peter Singer eine Propagandabühne geboten, die zu einer Popularbeschwerde von «selbstbestimmung.ch» führte, wie der Klein Report berichtete. Die Beschwerde wurde damals abgewiesen mit der Begründung, dass die «Körpersprache» der Moderatorin durchaus kritisch gewesen sei. Wie man juristisch Singers «Sterbehilfe»-Programm für schwerbehinderte Kinder mit «Körpersprache» kritisch und vielfältig diskutieren darf, bot schon nach dem Urteil der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen Anlass zum Protest.

Allein der Titel der Sendung vom 5. März 2017 war schon fragwürdig. «Wie dürfen wir Kinder machen?» impliziert, dass die industrielle Herstellung von Menschen, ja von Leben insgesamt, eine Frage der Erlaubnis und nicht des Sollens oder Könnens ist. Sie ist eine zutiefst unethische Frage mit äusserst ideologischen Botschaften. Von Beginn weg war damit der Tenor gesetzt, dass a) Kinder gemacht werden, b) es nur um die Fragen von Gleichstellung und c) um individuelle Wahlfreiheit geht.

Dass Eugenik, künstliche Reproduktionsindustrie und so weiter eng mit dem historischen Erbe der Massenselektion unter rassistischen Regimes zusammenhängt, wurde elegant umgangen. So wurde das philosophische Mindestniveau jeder Diskussion zum Thema «Menschen anfertigen» unterschritten. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun schreibt nicht von ungefähr in «Geld, Geschlecht, Genetik» (Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Aufbau Verlag 2012), wie der menschliche Körper sich zum Goldstandard gewandelt hat. Der moderne Finanzkapitalismus ist auf den Handel mit Biokapital spezialisiert und selbstverständlich gehören diese Aspekte unbedingt in eine «Sternstunde Philosophie.»

Ebenso wie die Interessenlage der Moderatorin der Sendung «Wie dürfen wir Kinder machen» offengelegt werden sollte: Schon 2014 sprach sich Barbara Bleisch mit der nationalen Präsidentin der Ethikkommission Andrea Büchler vehement für die Leihmutterschaft aus: «Ein respektables Unterfangen

Die Vermutung drängt sich auf, dass es bei der Sendung «Sternstunde Philosophie» nicht um die grundsätzlichen Fragen der philosophischen, ethischen und zivilgesellschaftlichen Grenzen der Reproduktionstechnologie ging, sondern um Werbung für dieselbe auf SRF. Philosophisch lässt sich das Thema so nicht ausgewogen behandeln, zumal die Diskutantin mit der meisten Redezeit, Bettina Schöne Seifert, sich schon 2001 für die Gesetzesänderungen nach englischem Vorbild ausgesprochen hat, wonach Embryonen bis zu zwei Wochen nach der Befruchtung für die «verbrauchende» Forschung genutzt werden dürfen.

Höchst erstaunlich war auch die Verbindung von Abtreibung mit industrieller Menschenproduktion zu Beginn der Sendung. Dabei ist klar, dass die Freiheit, über den eigenen Körper zu entscheiden, nichts mit der Freiheit zu tun hat, über die Beschaffenheit des Körpers eines anderen Menschen zu entscheiden.

Aus der Geschichte wissen wir, wie Unrecht in ein Narrativ verwandelt wird, so dass es gegen die Menschen verwendet werden kann. Bei allen Debatten zur Verbrauchsstruktur von Lebewesen ist deshalb grosse Vorsicht, wissenschaftliche Redlichkeit und Transparenz gefordert. Dies wurde nicht nur in der betreffenden Sendung schmerzlich vermisst. Peter Singer tauchte übrigens schon wieder im November 2016 in der «Sternstunde Philosophie» auf. In Form eines Literaturtipps zu seinem umstrittenen Buch: «Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben, Suhrkamp 2016.»

Es ist höchste Zeit, wegen politischer Sensibilitäten und wissenschaftlicher Redlichkeit nicht nur bei der Politsendung «Arena» auf die Zusammensetzung, die Hintergründe und die Moderation genauer zu achten, sondern unbedingt auch bei der «Sternstunde Philosophie». Denn hier wird die politische Agenda gesetzt, die es zum Beispiel ermöglichte, ausgerechnet Prof. Dr. Andrea Büchler, eine ausgeprägte Reproduktions- und Leihmutterschafts-Befürworterin, zur Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin zu ernennen.