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Montag
13.07.2020

Medien / Publizistik

Nationalrätin Katja Christ zur geplanten Aufstockung der indirekten Presseförderung: «Wir verlängern einem Totgeweihten mit Millionen das Leben, während wir die Zukunft aussen vor lassen...»

Die grünliberale Nationalrätin Katja Christ will die Jungen mit Gutscheinen zu treuen Medienkonsumenten machen. Mit dem Pilotprojekt soll ein neues Fördersystem getestet werden, das die indirekte Presseförderung ergänzen oder sogar ersetzen könnte. Der Klein Report hat Christ auf ihre Ideen angesprochen.

«Grundsätzlich zielt meine Motion darauf ab, ein Pilot-Projekt zu starten. Mit diesem sollte es möglich sein, ein System zu testen und Schlüsse daraus zu ziehen», sagte Katja Christ zu ihrem Vorstoss, den sie am 18. Juni eingereicht hat.

Jeder Systemwechsel ist kompliziert. Um irgendwo einen Anfang zu machen, hat sich die Politikerin für die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen entschieden: Diese seien ohnehin nicht bereit, für Medienkonsum zu bezahlen.

«Somit geht meine Motion einerseits zugunsten der Bildung und Demokratie, indem wir versuchen, die 18- bis 25-Jährigen zu einem hochwertigen Medienkonsum zu bewegen», so die Nationalrätin und Präsidentin der Grünliberalen Basel-Stadt. «Anderseits können die Medien so eine künftige Kundengeneration gewinnen.» 

Da diese Altersgruppe bereits fast ausschliesslich digital unterwegs sei, will Katja Christ die «Voucher», also die Medien-Gutscheine, nur für den Online-Konsum zur Verfügung stellen. 

«Wir investieren ja in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit. Somit kostet das Projekt nicht viel, da lediglich ein Zugang auf den Online-Zugriff gegeben wird und diese Altersgruppe sonst ohnehin nicht bezahlen würde.» 

Gleichzeitig würde der Wettbewerb gestärkt. Die User setzen ihre Gutscheine dort ein, wo es sie hinzieht. «Neue junge Plattformen werden so eher gewinnen als verlieren», meint die im Herbst neu in den Nationalrat gewählte Grünliberale.

Was zunächst als «Pilot» nur bei den Digital Natives und nur im Online-Segment getestet werden soll, kann sich Katja Christ auch im grossen Rahmen vorstellen.

«Bürgerinnen und Bürger bezahlen ihre Serafe-Beiträge, wobei sie einen Anteil, zum Beispiel 100 Franken, von den bezahlten Gebühren als Voucher in Form von Medienfranken zurückerhalten», führt Christ gegenüber dem Klein Report aus, wie ein Gutschein-System aussehen könnte. 

Die Bürger bezögen mit ihren Medienfranken nach eigenem Gusto Medienprodukte. Die Medienhäuser wiederum verlinkten gegenseitig aufeinander oder lizenzierten Inhalte voneinander und bezahlten sich dafür in Medienfranken.

«Frau Müller kauft mit ihren 100 Medienfranken einen Anteil am Abo des ‚Tages-Anzeigers‘», veranschaulicht die Nationalrätin das Modell. «Die NZZ findet einen Artikel des ‚Tages-Anzeigers‘ lesenswert und verlinkt darauf. Für die transferierte Aufmerksamkeit in Form von Lesern bezahlt der ‚Tages-Anzeiger‘ der NZZ pro Klick einen kleinen Betrag in Medienfranken. Aber auch Leser Meier kann in einer komplexer aufgeschlüsselten Wertschöpfung partizipieren. Für seinen Kommentar zu einem Artikel der NZZ, den die Redaktion aufgeschaltet hat, und der von der Community geschätzt wird, zahlt ihm die NZZ ein paar Medienfranken. Das nächste Mal schreibt er aber beim ‚Tages-Anzeiger‘. Er hat gehört, dass die besser zahlen. Ein Markt um unsere Aufmerksamkeit und um neue Teilnehmer entsteht.»

Durch das Voucher-System werde «die Wertschöpfungskette wesentlich differenzierter als die heutige Unterscheidung in Abo-Modell und Werbeaufmerksamkeit», bilanziert Christ. Das System müsse alledings noch verfeinert werden, «gilt es doch, vor allem auch kleine Unternehmen zu unterstützen und nicht nur die Grossen zu fördern, die wohl eher davon profitieren könnten».

Die Idee ist nicht neu. Ganz ähnliche Vorschläge hatten Roger Schawinski und Hansi Voigt im Nachgang zur «No Billag»-Abstimmung gemacht. Keiner forderte einen kompletten Wechsel zur sogenannten «Subjektfinanzierung» via Gutscheine; ein Teil der Mediengelder würde weiterhin «objektbezogen» einzelnen Akteuren fix vergeben, allen voran der SRG.

Für Katja Christ ist die Frage, wo die Grenze zu ziehen wäre. Ein gewisser fixer Anteil sei «sinnvoll», da es für grosse Betriebe wie die SRG eine gewisse Planungssicherheit brauche. Und einen finanziellen Grundstock, um die Konzession zu erfüllen. 

Letztlich sei es ein «sehr unvollkommener (Medien-)Markt, wo einerseits mehr Wettbewerb durch Ermächtigung der Nutzer mit Mediengutscheinen für Bewegung sorgen kann, andererseits aber die ‚Zwangsgebühren‘ respektive Medienabgabe möglichst für Inhalte ausgegeben werden soll, die im öffentlichen Interesse sind; denn für den Rest gibt es sowieso ein Publikum (‚Arte statt RTL 2‘)».

Kein gutes Haar lässt die Nationalrätin an der geplanten Aufstockung der indirekten Presseförderung. Sie findet es «tragisch», dass der Ständerat bereit ist, in Print noch mehr Fördergelder zu stecken und die Online-Förderung ganz fallen zu lassen. 

«Für mich geht das in die völlig falsche Richtung. Wir investieren in die Vergangenheit und verlängern einem Totgeweihten mit Millionen das Leben, während wir die Zukunft aussen vor lassen würden», meint Katja Christ zum Klein Report. «Es ist wirklich Zeit umzudenken, ein ganz neues System einzuführen.»

Die Grünliberale kann sich vorstellen, die indirekte Presseförderung «noch für einige Jahre» und «höchstens auf dem bisherigen Niveau» zu belassen und parallel dazu mehr in ein Voucher-System und den Online-Bereich zu investieren. 

«Staatliche Förderung in diesem Bereich ist ohnehin sehr heikel, denn bereits die Debatte in der Kommission hat uns gezeigt, dass – egal, für wen wir noch Fördergelder sprechen – immer jemand vergessen oder benachteiligt wird, der nicht davon profitiert.»