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Montag
04.11.2019

Medien / Publizistik

Lukas Bärfuss in seiner Rede am Samstagabend in Dortmund...

Der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss (47) hat den renommierten Georg-Büchner-Preis gewonnen. Sein Werk umfasst  Romane, Novellen, Essays und Theaterstücke. Am Samstag nahm Bärfuss den Preis in Darmstadt entgegen.

Weit über die Landesgrenzen bekannt wurde Bärfuss mit einem aufsehenerregenden Gastbeitrag, «einem Warnruf» über die Schweiz vor den Wahlen 2015 in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Titel: «Die Schweiz ist des Wahnsinns». Die Lage sei so klar wie trostlos: «Das Land ist auf dem falschen, rechten Weg. Mit der Kultur geht es bergab und mit den Medien auch. Es ist empörend» … So wurde sein brillanter Gastbeitrag eingeführt.

Politiker stellten sich nicht den realen Herausforderungen, so eine seiner Aussagen. Dabei lägen sie «meterhoch vor den Chalets des gebeutelten Heimatlandes, und es braucht enorme Verdrängungsleistungen, um an ihnen vorbeizusehen», so Bärfuss. Vom Heiligtum der direkten Demokratie, dem verkrampften Verhältnis zur EU bis zum Sammelspiel von «Glücksbeutelchen» der Migros analysierte und polemisierte der Schriftsteller und schaute auf die Lage und den Gemütszustand der Schweiz.

Ein kleiner Einschub: Allein schon der Migros-Konzern, der genossenschaftlich organisiert ist, zeigte die Verdrängungsleistung, die Bärfuss damals skizzierte, in einem an Scheinheiligkeit im Werbeslogan nicht zu überbietenden «Die Migros gehört den Leuten»-Aussage. Im Weihnachtsgeschäft 2017 lanciert, dekliniert der neue CEO Fabrice Zumbrunnen seit Januar 2018 nun das Narrativ gnadenlos durch, während wild umstrukturiert, Angestellte rausgeschmissen und Produkte eingestellt werden.

Migros-Konzernchef Zumbrunnen: «Seit Gottlieb Duttweiler fühlt sich die Migros der ganzen Gesellschaft verpflichtet, steht der Mensch im Zentrum unseres Handelns. Deshalb ist diese Kampagne viel mehr als eine hübsch verpackte Idee. Sie zeigt die enge Verbundenheit der Migros mit ihren Kunden und der Schweiz.» Welche (monetäre) Verbundenheit mit der Schweiz meint der Migros-Manager, wenn er wie viele Firmen PR-mässig die Schweizer Heimatkeule schwingt? Inhaltsloser geht es auch in der kommerziellen Kommunikation bald nicht mehr, fügt der Klein Report hier an.

Über den Vordenker Bärfuss ergoss sich nach dessen FAZ-Beitrag 2015 journalistische Häme für dessen Nestbeschmutzung. Schriftsteller Bärfuss ist weitergezogen, mit seinen Gedanken, Analysen und neuen Projekten.

Nun wird Lukas Bärfuss zu Recht geehrt: Am Samstagabend erinnerte der Dramatiker mit deutlichen Worten an das Vergessen der Nazi-Diktatur und den Holocaust. «Wer den letzten Krieg vergisst, der bereitet schon den nächsten vor», sagte Bärfuss vor den Gästen bei der Preisverleihung als einen von vielen klaren Sätzen. «Die Nazis waren gar nie weg», so Bärfuss, «wir haben uns nur nicht mehr an sie erinnert». Er sprach in seiner Rede viel von Erinnerung. Und viel vom Vergessen. Auch vom Vergessen wollen.

Bärfuss hat Mut und äussert sich immer deziert in der Öffentlichkeit. Zu seinem bisherigen Werk gehören auch der Roman «Hundert Tage». Er handelt vom Völkermord in Ruanda. Im Roman «Koala» schreibt und verarbeitet der Schriftsteller den Freitod seines Bruders.

Verfilmt wurde sein Bühnenstück «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern». Uraufgeführt im Februar 2003 am Theater Basel, verfilmte Regisseurin Stina Werenfels das Theaterstück und brachte es 2015 auf die Leinwand. Produziert wurde «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» von Samir und Karin Koch.

Der Georg-Büchner-Preis ist mit 50’000 Euro dotiert und gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum.