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Freitag
15.6.2018

Medien / Publizistik

Der Klein Report war erstaunt: Der SRF-«Literaturclub» besprach am 22. Mai «Die grosse Gereiztheit» von Prof. Dr. Bernhard Pörksen. Weder ist der Autor Schriftsteller, noch ist sein Buch ein literarisches Werk. Medienexpertin Regula Stämpfli hat für den Klein Report eingeschaltet.

Das Schlechte vorweg: Die Sendung vom 22. Mai strotzte nur so vor Befindlichkeitsexegesen. Dies lag in erster Linie an der Moderatorin Nicola Steiner, deren persönliche Büchertipps und Kommentare gleichermassen dürftig wie blass sind.

Weshalb aber schaffte es «Die grosse Gereiztheit» in den Literaturclub? Pörksen stimmt ein in den Chor, der den Untergang der guten alten Medienordnung lamentiert. Das böse Netz kreiere eine «Empörungsdemokratie», reize Unschuldige mit einer nervösen «Gesamtgeistesverfassung» und irritiere mit verzweifelter Suche nach «Fixpunkten und Wahrheiten». Pörksen verdrängt, dass der gefährliche «kommunikative Klimawandel» schon lange vor der Digitalisierung – Stichwort «Aufmerksamkeitsspirale» (Stämpfli) – stattgefunden hat.

Technische Revolutionen brechen immer unwidersprochene «Wahrheiten» auf. Das ist unbequem, aber buchstäblich wahrhaftiger und vernetzter. In bewährter Manier nach einem «zivilisierenden Diskursfilter» (Pörksen) – sprich: nach den alten Gatekeepern der Holzmedien – zu rufen, ist indessen eher peinlich. Genauso wie die Forderung nach einem «Plattformrat» analog zum alten «Presserat». Dies sei keine Utopie, meinte einer der Literaturkritiker, sondern ein «Back to the Future».

Pörksen und sein Buch wiederspiegeln den Abgesang der klassischen Medien: Weisser Mann, Medienwissenschaftler, Experte, Professor einer angesehenen deutschen Universität legitimiert die bisherigen Machtstrukturen. Er will die Medienkönige vor ihrem traurigen Untergang bewahren und realisiert nicht, dass dadurch die Demokratisierung behindert wird. Die fürchterlichen Netz-Empörungsbeispiele von Pörksen erschrecken zwar tatsächlich, dienen aber nur der Bestätigung seiner These, dass früher wirklich alles besser war.

Die Nähe zur Legitimation klassischer Medien, vor allem auch der öffentlich-rechtlichen, hat Pörksen wohl die Ehre verschafft, im Literaturclub besprochen zu werden. Der geniale österreichische Schriftsteller, Abenteurer, Poet und Übersetzer Raoul Schrott bereitete dieser Farce jedoch ein schnelles Ende. Zu Pörksens Buch meinte er nur: Fake News seien nichts Anderes als das «Orakel von Delphi» oder die Kunstform der Dadaisten – also so alt wie die Medien überhaupt. Zudem sei Pörksens Sehnsucht nach den klassischen Gatekeepern unredlich: Dank digitaler Medien, so Schrott, würden verkrustete Machtstrukturen und «die Geheimtüren der Medien» endlich aufgebrochen.

Die Moderatorin Nicola Steiner, deren Markenzeichen es ist, jedes Buch mit «Interessant fand ich …» einzuleiten, fand natürlich auch Pörksens Buch «interessant». Dem würde ich mich nicht anschliessen. Aber lesenswert ist das Buch trotzdem. Weshalb? Weil der Autor mit Ausdrücken wie «spirituelle Schutzprogramme», «digitale Schmetterlingseffekte», «Behaglichkeitskrise», «Clash of Codes» oder «Kollateralschäden der Transparenz» das Begriffsarsenal diskursiver Schlachten auf sehr amüsante Art und Weise erweitert.