Content:

Montag
28.09.2020

Marketing / PR

«Es wäre sicher nicht schlecht, wenn wir uns in der Schweiz etwas brasilianisches Entrepreneurship aneignen würden...»

Viele Unternehmen kürzen wegen der Pandemie ihre Werbe-Etats und Kommunikations-Budgets. Doch gerade in Krisenzeiten kann sich die Markenführung «nach innen» als Gold erweisen.

Der Klein Report sprach mit Ralph Hermann, Managing Director und Inhaber der Zürcher Heads Corporate Branding AG, über Schneekanonen, brasilianisches Entrepreneurship und den Wert einer guten Unternehmenskultur.

Die ersten Lockerungen des Lockdowns sind nun ein paar Monate her. Wie ergeht es Heads im Moment? Kann man von Normalbetrieb sprechen?
Ralph Hermann
: «Danke der Nachfrage! Es geht uns den Umständen entsprechend gut und wir sind seit Anfang September wieder in recht normalem Betrieb. Wir hoffen, dass dies so bleibt.»

Wie die meisten Branchen leidet die Marketing- und Werbebranche unter der Pandemie – nicht zuletzt, weil viele Unternehmen ihre Marketingbudgets zusammenkürzen. Wie hat Heads die Corona-Krise bisher erlebt?
Hermann
: «Von früheren Krisen waren nie alle gleichzeitig betroffen. Erfolgreiche Unternehmen investierten auch in Krisenzeiten in ihre Unternehmensmarke und solche Firmen fanden auch zu uns. In der Finanzkrise 2008 beispielsweise waren wir stark beschäftigt mit einem Grossauftrag für die Axpo...»

...und wie unterscheidet sich die Corona-Krise davon?
Ralph Hermann
: «Sie trifft praktisch alle. Dies machte mir diesen Frühling schon Angst. Wir hatten zwar keine Aufträge verloren, aber mehrere Kunden legten zum Teil grosse Projekte auf Eis. Und es kamen keine neuen Aufträge dazu. Wir mussten uns schon Gedanken machen, wie wir diese Verzögerungen kompensieren.»

Wie konnten Sie die Durststrecke bisher meistern?
Hermann
: «Glücklicherweise begleiten wir verschiedene Kunden in der internen Markenführung. Hier war im Lockdown Unterstützung gefragt: Wie führt man gestartete Transformationsprozesse auch in der Krise weiter? Wie vermittelt man Wertschätzung ins Homeoffice? Trotzdem sah es im März für uns alles andere als rosig aus.»

Wie sieht die Umsatzentwicklung aus bei Ihrer Agentur? Und können Sie schon eine Prognose für das nächste halbe Jahr geben?
Ralph Hermann
: «Kann ich noch nicht, denn ich habe mich entschieden, bis Ende September nur bis ans Jahresende zu denken. Und bis dahin sieht es gar nicht so schlecht aus. Es bringt ja wenig, weitergehende Prognosen zu machen, die vielleicht schon bald von der Realität eingeholt werden. Die Energie dafür kann man besser nutzen. In unseren unglaublich stabilen Verhältnissen sind wir uns gewöhnt, langfristige Prognosen machen zu können. Meine brasilianischen Verwandten habe ich immer dafür bewundert, in wie viel Unsicherheit und mit wie viel Optimismus sie ihre Geschäfte betreiben. Klappt etwas nicht, was leider sehr oft der Fall ist, finden sie sofort Plan B, C oder D.» 

Brasilien... Erzählen Sie!
Hermann
: «Mein Schwager beispielsweise importiert Schneekanonen nach Brasilien, denn er hat entdeckt, dass die feinen Wassertropfen der Kanone auch dazu dienen können, Staubentwicklung zu verhindern. Diese sind auf städtischen Grossbaustellen ein grosses Problem und führten jeweils zu kostspieligen Baustopps. Seit der Corona-Krise läuft dieses Geschäft nicht mehr gleich gut, doch nun stehen Gesundheitsbehörden für seine Maschinen Schlange, denn er hat die Kanonen so umbauen lassen, dass mit ihrer Hilfe ganze Strassenzüge desinfiziert werden können.»

Eine schöne Geschichte – was können Sie von Ihrem brasilianischen Schwager lernen?
Ralph Hermann
: «Es wäre sicher nicht schlecht, wenn wir uns in der Schweiz etwas brasilianisches Entrepreneurship aneignen würden, statt über Excel-Sheets gebeugt auf vier Stellen hinter dem Komma auszurechnen, wie schlimm es vielleicht kommen wird.»

Wie haben Sie ganz persönlich die Corona-Krise erlebt?
Hermann
: «Wie viele habe ich es genossen, dass die Familie im Lockdown enger zusammenrückte. Und da mein 22-jähriger Sohn in dieser Zeit wieder zu Hause lebte und Zeit hatte, als ‚Drill Sergeant‘ für meine Fitness zu schauen, habe ich im Lockdown sogar fünf Kilo verloren.»

Und wie bekam Ihnen der Lockdown-Alltag im Büro?
Ralph Hermann
: «Anstrengend war die Reduzierung des Austausches auf Video-Meetings. Während einigen Wochen war ich alleine in der Agentur, die Arbeit funktionierte zwar und mein Team war von zu Hause aus äusserst produktiv, aber ich habe meine Kolleginnen und Kollegen vermisst. Auch den persönlichen Austausch mit unseren Kunden hat mir gefehlt.»

Hat Heads auf Kurzarbeit zurückgegriffen?
Hermann
: «Ja, die Mitarbeitenden reduzierten ihr Pensum von März bis August auf 50 Prozent. So konnte ich versprechen, dass niemand unseres eingespielten Teams eine Entlassung zu befürchten hat. Natürlich war ich in Sorge, ob dies genügen würde und anderenfalls auch bereit, einen grösseren Verlust in Kauf zu nehmen, denn schliesslich konnte die Agentur in vielen guten Jahren anständige Reserven bilden...» 

...und, waren die Sorgen im Rückblick berechtigt?
Ralph Hermann
: «Ich war mir lange nicht sicher, ob die wenigen Unternehmen, die in dieser schwierigen Zeit in ihre Marke investieren können, auch zu uns finden würden. Doch wir haben Glück: In den letzten Monaten konnten wir drei Kunden aus dem digitalen Bereich gewinnen und nun passt es sehr gut, dass alle Köpfe wieder im normalen Pensum arbeiten.»

Welche Lehren ziehen Sie als Unternehmer aus der Corona-Krise?
Hermann
: «Meine Haupterkenntnis ist, dass sich eine gute Unternehmenskultur bezahlt macht – besonders in Krisenzeiten. Es war eine Riesenfreude zu sehen, wie sich bei Heads alle ins Zeug legten und für unsere Kunden Massnahmen zur Krisenbewältigung entwickelten. Aber auch bei unseren Kunden, beispielsweise bei AMAG, war dies eindrücklich zu sehen: Die Garagen galten ja als systemrelevant, und was die AMAG-Mitarbeitenden da unter schwierigsten Bedingungen leisteten, erfolgt eben nur, wenn das Commitment stimmt. Unternehmen ohne gute Unternehmenskultur werden sich bezüglich Homeoffice zu Recht Sorgen machen und sich fragen: Wer verhält sich wohl richtig, wenn niemand schaut?»