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Montag
25.02.2019

Medien / Publizistik

Erschleichung von Berichterstattung

Die deutschen Medienanstalten haben die Entwicklung von digitalem Hass und Extremismus im Internet beobachtet. Die Erkenntnisse sind teilweise höchst bedenklich: Hasskommentare werden immer häufiger, der Ton werde «ruppiger, rücksichtsloser und unverblümter».

Der Jugendschutz- und Medienkompetenzbericht der Medienanstalten ist ein Novum. Vor dem Hintergrund von zunehmendem Mobbing, Hass und Extremismus im digitalen Bereich soll der Diskurs mit neuen Massnahmen, Projekten und Forderungen gestärkt werden.

Eine repräsentative Forsa-Umfrage der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen zeigt, dass Hassrede die Wahrnehmung der Internetznutzerinnen und -nutzer immer weiter durchdringt. 78 Prozent der Befragten gaben im Juni 2018 an, schon einmal mit Hasskommentaren konfrontiert worden zu sein.

39 Prozent der Befragten glauben sogar, dass im Internet mehr Hass- als Sachkommentare kursieren. Gleichzeitig handelt es sich bei den digitalen Trollen offenbar um eine «laute Minderheit». Für die Hetze im Netz sind nämlich nur wenige, dafür umso umtriebigere Hetzer verantwortlich.

Der zunehmend raue Ton zeigt sich auch bei Nutzerkommentaren zu journalistischen Beiträgen. Im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW wurden insgesamt 6700 Kommentare beim Deutschlandfunk, RTL, Spiegel Online oder tagesschau.de untersucht.

«Eine Entwicklung hin zu mehr Eskalation zeigt sich heute immer stärker. Der Ton wird ruppiger, ist rücksichtsloser und unverblümter geworden», so Leif Kramp vom Zentrum für Medien, Kommunikations- und Informationsforschung der Universität Bremen. «Man kann schon den Eindruck bekommen, dass hier eine Art von Verwahrlosung der Debattenkultur droht.»

Stephan Weichert, Professor an der Hamburg Media School, legte nach: «Die Zahl der Redaktionen, die sich überlegen, den Dialog ganz aufzugeben, steigt», konstatierte er. Damit würden immer mehr Redaktionen den Hassrednern das Feld ganz überlassen.

Ine Dippmann, freie Rundfunkjournalistin und Vorsitzende des DJV-Landesverbandes Sachsen, schrieb dazu im Jugendschutz- und Medienkompetenzbericht: «Wo beleidigt und diffamiert wird, werden Kommentarspalten geschlossen. Denn auch das haben Journalisten gelernt: Sie werden zu Erfüllungsgehilfen von Populisten und Hetzern, wenn sie über jedes Stöckchen springen, das ihnen hingehalten wird. Erschleichung von Berichterstattung durch Provokation – dieses trojanische Pferd müssen die Gatekeeper von heute enttarnen.»