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Dienstag
7.6.2011

Die Kommunikations- und Medienwissenschaft beansprucht gesellschaftliche Relevanz. Aber sie löst diesen Anspruch zu wenig ein. Publizist Roger Blum kritisiert in seinem Kommentar für den Klein Report das fehlende Leitbild und fragt nach dem Sinn des Faches.

Alle Jahre trifft sich die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), der fast 900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angehören, darunter auch viele schweizerische und österreichische, zu einem grossen Kongress. Diesmal, in Dortmund, galt die Aufmerksamkeit dem praktischen Nutzen der Medienforschung. «Theoretisch praktisch!?» hiess das Tagungsthema, und man stellte die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz dieser Wissenschaft.

Wie relevant ist die Medienforschung für die Gesellschaft? In einer Zeit, in der alles medialisiert wird, in der die Menschen in einer Mediengesellschaft leben und rund um die Uhr twittern, facebooken, mailen, telefonieren, das Neuste auf dem iPod verfolgen und im Internet alles Unklare klären, müsste die Wissenschaft der Öffentlichkeit und der Medien von grosser Relevanz sein. Genau diese Relevanz hat aber die Tagung in Dortmund nicht bewiesen.

Welche gesellschaftliche Relevanz kommt anderen Diszplinen zu? Nehmen wir die Medizin. Sie ist relevant, weil sie Krankheiten erforscht und ihre Erkenntnisse direkt umsetzt, um in Praxen, Spitälern und Heimen die Menschen zu heilen. Nehmen wir die Rechtswissenschaft. Sie ist relevant, weil ihre Theorien und Interpretationen zur Rechtssetzung und zur Rechtsanwendung den Menschen in Parlamenten, Gerichtssälen, Verwaltungen und Unternehmen dienen.

Dieser direkte Nutzen für die Menschen fehlt bislang bei der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Dass sie zur Fundierung der Medienpolitik herangezogen wird, in der Schweiz mehr als in Deutschland und Österreich, dass einzelne Medienhäuser bei Medienforschern Studien bestellen und dass die Medien auch über dieses Fach hin und wieder berichten, reicht nicht. Wenn dieses Fach in der Gesellschaft Gewicht haben will, dann darf es sich nicht abschotten von der Praxis und sich nicht zurückziehen auf bloss empirische Datenhuberei, sondern dann muss es der Gesellschaft dienen und normative Vorstellungen darüber entwickeln, welche Funktionen Medien für die Demokratie und für die Kultur erfüllen sollen. Dies fehlt oder ist umstritten. Die dürftige Keynote-Rede des Wissenschaftssoziologen Peter Weingart von der Universität Bielefeld half dem Fach nicht weiter. Und die 2008 verabschiedete Selbstverständniserklärung der DGPuK genügt nicht als Leitbild, was der Sinn dieses Faches für die Gesellschaft ist. Da fehlt die Idee, da fehlt der Tatbeweis.