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Montag
10.05.2021

TV / Radio

«Ein Ersatzwettkampf für die stadionfreie Zeit»: Genau wie beim Eurovision Song Contest küren die Fangemeinden ihren Repräsentanten fürs Finale.

Während sich bald Millionen Musikfans vor die Kiste setzen und mit ihren Stars am Eurovision Song Contest mitfiebern, tickt in der Schweiz gerade der Countdown zum ersten Grand Prix de la Vereinslieder. 

«Als Fussballfans erhoffen wir uns, dass der Grand Prix mithilft, dass die Stadionkultur der Fankurven nicht vergessen und verloren geht. Wir vermissen sie doch alle», sagt Matthias Engel gegenüber dem Klein Report.

Engel kümmert sich um die Vorauswahl des Thuner Fan-Songs. Denn genauso wie beim Eurovision Song Contest die einzelnen Länder entscheiden, welchen Sänger sie in den Schlussspurt schicken, entscheiden beim Grand Prix de la Vereinslieder die Fangemeinden, wer beim Finale im September antreten darf.

Unterstützt wird Matthias Engel, der sich als «Heimweh-Thuner» bezeichnet, vom Thuner Stamm von Zürich, einer Stammtischgruppe ausgewanderter Bürger der Alpenstadt am Tor zum Berner Oberland.

«Wir sind in Thun am besten bekannt dafür, dass wir an jedem Ausschiesset (dem Thuner Pendant zum Zürcher Knabenschiessen, Anm. der Red.) den General-Guisan-Preis stiften für den treffsichersten Jugendlichen der Thuner Kadetten. An jenem Volksfest ziehen wir jedes Jahr stundenlang mit Einheimischen singend durch die Beizen. Wir erprobten Sänger bringen also die besten Voraussetzungen mit, um jenes Lied zu küren, das am besten zum FC Thun und zur Stadt am Thunersee passt», sagt Engel im Gespräch.

Federführend hinter dem feinen, frechen Song Contest ist ein kleines Grüppchen, das sich «Teilzeitfans Wohlen» nennt und von sich behauptet: «Es gibt wichtigeres als Fussball.» 

Die Grand-Prix-Idee haben sich die Teilzeitfans beim FC St. Pauli abgeschaut. Der Hamburger Blog «Millern Ton», der sich rund um den legendären Stadtclub dreht, hat im letzten Jahr einen Song Contest für Deutschland ins Leben gerufen. 

«Wir fanden diese Idee so gut, dass wir diese mit Erlaubnis aus St.Pauli übernommen haben und nun den Grand Prix auch in der Schweiz veranstalten», sagt Mitorganisator «Sensiego» auf Nachfrage des Klein Reports.

Es sei vor allem ein «Spassprojekt». Aber nicht nur. Es gehe schon auch darum, den Fussballfans in dieser stadionfreien Zeit etwas Trost zu spenden und eine «Art von Ersatzwettkampf» zu bieten.

Zwischen Singen und Kicken mag sich «Sensiego» nicht entscheiden. «Das gehört für uns zusammen», sagt der umtriebige Fussballfan zum Klein Report. «Das eine ohne das andere wäre doch langweilig.»

Der Countdown für die Vorauswahl geht in diesen Tagen zu Ende. In Thun stehen zurzeit noch drei Songs auf der Favoritenlisten, verrät Matthias Engel. Welcher ins Finale einziehen wird, entscheidet sich bis Auffahrt.

Der schon fast klassische «FC Thun Song» des Peter-Trachsel-Sextetts und der Sängerin Rita ist einer der Favoriten. Erstmals ertönte das Stück 1982, als der FC Thun noch in der zweiten Liga soliden Regionalfussball spielte. 

Der zweite Favorit ist die Single «Thun – Das Lied» der Band Aarefeld. Weltpremiere feierte das Stück 2005 im Wankdorfstadion im benachbarten Bern. Doch nicht etwa, weil die Thuner damals den Fans des Lokalrivalen BSC Young Boys eine Ehre erweisen wollten. Sondern weil Thun in Bern gegen Malmö FF um den Einzug in den Champions League spielte. 

«Das Lied ging rasch vergessen, an das unglaubliche Champions-League-Jahr wird man sich im Berner Oberland aber auf ewig erinnern», sagt Engel.

Das dritte Lied, das es noch werden könnte, heisst «Thun – Stadt der Falten» von 2016. Das Youtube-Video von David Oesch und Remo Rickenbacher zeichnet ein apokalyptisches Szenario eines (fast) menschenleeren Thuns ohne Lebensfreude. 

«Wer hätte gedacht, dass das fünf Jahre später unsere trostlose Realität ist, in der wir nicht einmal mehr die Möglichkeit haben, den FC Thun im Stadion zu sehen», bringt der engagierte Exil-Thuner eine bittere Wahrheit auf den Punkt.

«Lied» ist beim dritten Kandidaten schon zu viel gesagt. Eigentlich ist es ein Spoken-Word-Video, in dem nur der Theatermacher Matto Kämpf kurz ein «Halleluja» anstimmt. 

Das Stück auf die Shortlist zu nehmen, sei aber allemal berechtigt, findet Matthias Engel: «Schliesslich spielen FC-Thun-Rekordtorschütze Milaim Rama und Kultfan Kevä im Video mit. Und überhaupt wird auch beim FC Thun seit Februar 2020 coronabedingt nicht mehr gesungen.»

Ob die Jury aber einen solch unmusikalischen Acht-Minuten-Longact fürs Finale zulässt, steht auf einem anderen Blatt.