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Montag
21.8.2017

Medien / Publizistik

Neu für Damore: Hirn hat kein Geschlecht

Der Google-Programmierer James Damore hat ein antifeministisches Manifest verfasst, das er Google-intern verteilt hat. Daraufhin entfachte ein Shitstorm im Netz, der Softwareentwickler wurde entlassen.

Ist dies nun die Beschränkung der Meinungsfreiheit oder schlichte Konsequenz der Google-Verpflichtung zu mehr Geschlechtergleichheit und Diversity? Weder noch meint Medienexpertin Regula Stämpfli in ihrem Kommentar für den Klein Report.

Ein Programmierer von Google schreibt ein Memo zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. In klassischer Medienmanier führt er die fast völlige Abwesenheit von Frauen in der US-Tech-Branche auf krude Biologismen zurück. Er bedient sich zur Unterstützung seiner Thesen vieler Wikipedia-Seiten.

James Damores Memo erinnert an die längst überwunden geglaubten Stereotypen und Klischees gegenüber Frauen und Sklaven aus dem 19. Jahrhundert. Das Memo bietet nicht viel anderes oder Neues als das, was Evolutionsbiologen, wenn auch etwas geschickter formuliert, ständig als «Wissenschaft» propagieren und es damit immer wieder in die Medien schaffen.

Das Google-Memo zeigt den Kampf um - verkürzt dargestellt - zwei Schulen rund um Klischees und Geschlecht: Die eine, akademisch auf wesentlich stärkeren Säulen stehend, belegt, dass Klischees nur dann kompetent analysiert werden können, wenn man sich über die gesellschaftlichen Vorbedingungen (und eben nicht der biologischen) der Klischees bewusst ist.

Die andere Richtung, in den USA ungleich stärker an Universitäten und Medien vertreten, aber akademisch eher dem intellektuellen Schwachstrom vergleichbar, behauptet, dass Klischees nicht gesellschaftlich oder politisch, sondern vor allem empirisch, das heisst eben auch biologisch verkürzt, zu deuten seien. Politisch wird dieser Kampf, wenn Ungleichheit als naturgegeben anerkannt und wünschenswert gilt, politisch ist das Thema aber auch, wenn es darum geht, die Ungleichheit als kulturell konstruierte zu beseitigen.

Klar ist indessen sowohl theoretisch als auch empirisch: Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann hält sich hartnäckig. Medien, Universitäten, Twitter-Präsidenten, Kulturverantwortliche, Datenmanager, Lehrbücher etc. reproduzieren seit Jahrzehnten und flächedeckend wieder und wieder grosse Geschlechterlügen: Frau wird gesehen, Mann sieht, Frau darf fragen, Mann antwortet.

Egal wieviele Bücher, Studien und Forschungsprogramme die grossen Geschlechterlügen widerlegen, Sexismen, Diskriminierung und Unterdrückung werden von den Biowissenschaften gerne bestätigt. Dieser Kampf wird uns medial, wissenschaftlich und politisch noch weiter verfolgen.

Was die Redefreiheit betrifft, so gebe ich Julian Assange insofern recht, dass Angestellte aufgrund ihrer Meinungsäusserung nicht entlassen werden dürfen. Wer aber 2017 behauptet, Frauen seien aufgrund ihrer «Nerven» biologisch den Anforderungen der IT-Branche nicht gewachsen, beweist mangelnde berufliche Kompetenz.

Denn wenn tatsächlich Biologie die Voraussetzung für das Programmieren wäre, müssten alle IT-Ingenieure mit dem Ding zwischen ihren Beinen den Job erledigen. Dies ist nicht nur visuell herausfordernd, sondern empirisch unhaltbar. Programmsprachen werden mit dem Ding zwischen den Ohren erfunden, verbessert und angewendet. Das Gehirn hat aber weder ein Geschlecht, noch eine Hautfarbe, noch ein Alter, noch eine bestimmte Kiloanzahl.

Dies dürfte auch einem Programmierer von 2017 bewusst sein und deshalb ist seine Entlassung aufgrund mangelnder Kompetenz durchaus zu begrüssen. Denn die Frage, ob Frauen überhaupt programmieren können, ist keine Frage der freien Rede, sondern 2017 ein äusserst sprechendes Zeichen dafür, punkto Wissen und Kompetenz nicht auf der Höhe seines Fachs zu sein.