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Montag
27.11.2017

Medien / Publizistik

«Frauen befreien, um zu schützen»

ZDF, SRF, «Die Zeit» und viele andere deutschsprachigen Medien verwandelten am internationalen «Tag gegen Gewalt an Frauen» die Diktion des französischen Staatspräsidenten allesamt zu «Macron will Frauen besser schützen». Emmanuel Macron selber nannte aber sein Programm: «Libérer pour protéger».

Anlass genug für Klein-Report-Kolumnistin und Medienexpertin Regula Stämpfli nicht nur über die unterschiedliche Wortwahl, sondern auch die Wirkung derselben nachzudenken.

Der Hashtag #Metoo entwickelt sich zum politischen Programm. Der wichtige Kampf gegen die alltägliche Gewalt gegen Frauen bringt unter den Bedingungen der innigen Verbindung von Evolutionstheorie und Sexismusdebatten alte Stereotypen hervor. Mit «Frauen schützen» wird nämlich die mächtige Bastion und Brutzelle der Geschlechterzuschreibung in der Sexualität, die Frauen als «Empfangende» und Männer als «Tuende» definiert, wieder und wieder inszeniert. Gleichzeitig wird sexuelle Gewalt als exklusives Frauenthema sehr voyeuristisch abgehandelt.

Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das alle betreffen kann, ebenso wie Mord, Totschlag und Raub. Doch die Diskussion über sexuelle Gewalt richtet sich nur an das weibliche Geschlecht. Dies ist dem Konzept des islamischen «Ehrenmordes» nicht unähnlich. Es geht nämlich darum, die Frau in der Sexualität möglichst «rein» zu halten. Es geht darum, dass, wenn der Frau Gewalt angetan wird, dies im Zusammenhang mit Sex als «besonderes Verbrechen» hochzustilisieren und damit alle Frauen für immer und ewig zu traumatisieren.

So dominiert der Sex statt die Gewalt alle Diskussionen rund um sexuelle Gewalt. Dabei muss beispielsweise Vergewaltigung, will man endlich allen Opfern derselben gerecht werden, als Verbrechen geahndet und nicht im Rahmen gesellschaftlicher Regeln rund um Sex verhandelt werden. Denn die Verfügung letzterer dient nur dem Machterhalt der Mächtigen - dies wissen wir spätestens seit Michel Foucault. Vergewaltigung ist ein Verbrechen und eben nicht Sex. So ist auch die dringend notwendige Unterscheidung zwischen Vergewaltigung mit «Belästigung», «Übergriff», «Anmache» et cetera (alles gesellschaftliche Bereiche, die das Strafrecht nicht betreffen sollten) wieder möglich.

Die Kulturwissenschaftlerin und engagierte Hashtag-Feministin Mithu Sanyal hat in ihrem sehr lesenswerten Buch «Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens» darauf hingewiesen, dass das Vergewaltigungsskript in patriarchalen Gesellschaften wieder und wieder zwei Geschlechter konstruiert. Es gibt nur einen männlichen Täter und ein weibliches Opfer.

Dabei zeigt gerade die Geschichte der sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche, dass Vergewaltigung, sogenannter «Missbrauch» (als ob man ein Kind «richtig» gebrauchen könnte), Opfer jeden Geschlechts und Alters hervorgebracht hat. Mithu Sanyal hält fest: «Sobald wir das V-Wort in den Mund nehmen, laufen die Uhren rückwärts, und es ist für immer 1955.»

Dies müssen sich auch die deutschsprachigen Medien gedacht haben als sie aus der differenzierten Aktion des französischen Staatspräsidenten Macron, der mit Budgeterhöhungen, Gleichstellungsgesetzen und Aktionsprogrammen gegen die Diskriminierung der Frauen zu Felde zieht, vornehmlich ein «Frauen schützen» und nicht ein «Frauen befreien, um zu schützen» gemacht haben.