Content:

Freitag
31.07.2020

Medien / Publizistik

Generell fällt die Behördenkritik in Deutschschweizer Medien stärker aus als im Welschland...

Weshalb folgen Journalisten aus der Romandie behördlichen Infos zum Coronavirus mehr als Deutschschweizer Journalisten? Und wie hängt das mit der Bedrohungslage zusammen? Die Studie zur Corona-Berichterstattung des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Uni Zürich bringt sprachregionale Unterschiede zu Tage.

Ein erster frappanter Unterschied zwischen Deutschschweizer und Westschweizer Medien besteht in der Auswahl an Expertinnen und Experten. Während französischsprachige Titel insbesondere auf die WHO-Experten Tedros Adhanom und Michael Ryan setzten, blickten die deutschsprachigen Medien nach Deutschland und holten sich vor allem bei Christian Drosten Rat.

Dagegen gibt es gemäss Studie fast keine Expertinnen oder Experten, die in beiden Sprachregionen zu Wort kommen würden. Eine Ausnahme ist Isabella Eckerle, die aus Deutschland stammt und an der Uni Genf arbeitet, bilanziert das fög.

Bemerkenswerterweise schlagen sich die durch Zukäufe entstanden Medienverbundsysteme auch in der Corona-Berichterstattung nieder. So konnte das fög ein TX-Group-Cluster mit bernerzeitung.ch, tagesanzeiger.ch und «SonntagsZeitung» identifizieren, die grosse Teile der Berichterstattung miteinander teilen.

Auch blick.ch und der «SonntagsBlick» sowie aargauerzeitung.ch und watson.ch sind jeweils relativ nahe beieinander. In der Berichterstattung dieser Gruppen werden also tendenziell die gleichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler thematisiert. Nzz.ch und «NZZ am Sonntag» verwenden hingegen eher unterschiedliche Experten in ihren Artikeln.

Die Medien in der Westschweiz unterscheiden sich von ihren deutschsprachigen Pendants auch im Anteil an «bedrohungsvermittelnder Berichterstattung». Mit Ausnahme der aargauerzeitung.ch (19,3%) befinden sich nur französischsprachige Titel wie rts.ch (37,5%), «Le Journal» (26,2%) oder «Le Matin Dimanche» (18,9%) unter den Medien mit einem hohen Anteil an Informationen zur Bedrohungslage. «Dies lässt sich auch durch die vergleichsweise hohen Infektionsraten in der Romandie erklären», so die Studienautoren.

Generell lasse sich ebenfalls beobachten, dass die Behördenkritik in Deutschschweizer Medien stärker ausfällt als im Welschland. Das zeige sich erstens im direkten Vergleich, zum Beispiel zwischen SRF und RTS, 20minuten.ch und 20minutes.ch oder zwischen nzz.ch und letemps.ch.

Zweitens, so das fög, gebe es in der Deutschschweiz anders als in der Westschweiz mehrere Medien mit relativ kritischen Positionen gegenüber Behörden und Regierung, darunter 20minuten.ch, «10vor10» (SRF), nzz.ch und die «Weltwoche».

Die stärkere Kritik in den deutschsprachigen Medien möge gemäss der Untersuchung mit der weniger akuten Bedrohungslage zusammenhängen. Ein anderer Grund könnte auch die politische Kultur sein, denn in der Deutschschweiz zeigt sich weniger Zuspruch für staatliche Interventionen auch regelmässig in der Berichterstattung über Volksabstimmungen.

Die fög-Studie zur Qualität der Medienberichterstattung in der Corona-Pandemie basiert auf quantitative Inhaltsanalysen. Dazu wurde ein Sample von 22 Leitmedien aus der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. April untersucht. Dieses wurde mit einer automatisierten Inhaltsanalyse von 34 Leitmedien vom 1. Januar bis zum 30. Juni ergänzt, schrieb das fög zur Methodik.

Die Medienqualität wird an drei Dimensionen festgemacht: an der Vielfalt, der Relevanz und der Deliberationsqualität.