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Dienstag
10.08.2021

Kino

«Wir haben eine weibliche Führung. Ich habe erlebt, dass das einen Unterschied macht», sagt Sabine Gisiger, die als Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt... (Bild zVg)

Die Zürcher Dokumentarfilmerin und Dozentin Sabine Gisiger arbeitet an einem Film über die Frauen um den Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Eine Rohfassung hat sie am Sonntag am Filmfestival von Locarno präsentiert. 

Mit dem Klein Report sprach Sabine Gisiger über ihr neustes Projekt, über ihre Zeit im Homeoffice und über den kleinen Unterschied in der Filmberichterstattung.

«The Mies van der Rohes» heisst der Film, der für einmal nicht den berühmten Architekten, sondern die Frauen, die ihn umgaben, in den Blick nimmt. Seine Frau Ada, seine drei Töchter Georgia, Marianne und Waltraut und seine Partnerin Lilly Reich ergreifen die Chancen der neuen Zeit, erleben aber auch die Einschränkungen alter Muster. 

Als Mies 1938 in die USA emigriert, kämpfen sie sich, auf sich alleine gestellt, durch die Barbarei der Nazizeit und des Krieges. Ihr Leben bleibt vom abwesenden Mann, Vater und Geliebten bestimmt. 

Der hybride Dokumentarfilm erzählt eine aufwühlende Familiengeschichte und entwirft ein Sittengemälde der Moderne – aus weiblicher Perspektive.

Frau Gisiger, wie sind Sie auf die Idee für ihren neuen Film gekommen, den Sie soeben am Filmfestival von Locarno dem professionellen Publikum vorgestellt haben?
Sabine Gisiger
: «Vor zwanzig Jahren ist mir in einer Berliner Buchhandlung zufällig die Autobiografie der ältesten Tochter des berühmten Architekten Mies van der Rohe in die Hände gekommen. Ich war fasziniert von ihrem so ganz anderen, weiblichen Blick auf die frühe Moderne und nahm mir vor, die damals 80-jährige Dame zu besuchen. Irgendwie wollte es das Leben dann anders, aber der Stoff ist mir irgendwie nie aus dem Sinn.»

In welcher Phase befindet sich die Produktion «The Mies van der Rohes»?
«Wir haben den ersten Rohschnitt gemacht, etwa das, was man im Spielfilm First Assembly nennen würde. Die Erzählstruktur steht, das Material ist vollständig. Jetzt kommt das Allerschönste: den Rhythmus, die Bilder, die Musik und das Sounddesign auszugestalten. Das wird einige Monate in Anspruch nehmen.»

Können Sie ein paar Gedanken und spezielle Vorkommnisse zur bisherigen Entstehungsgeschichte des Films erzählen?
Gisiger: «Oh, da gibt es sehr viele, Begegnungen mit Menschen aber auch die Jagd nach authentischen Quellen. Ich hatte als Erste Zugang zu den Briefen, Tagebüchern und Dokumenten der Frauen aus der Familie Mies van der Rohe. Da gab es Briefe, die sie bekommen hatten, und wo ich dann nach ihren Antworten gesucht habe. Zum Beispiel der Brief eines jungen jüdischen Mannes, der der Mutter Ada Mies van der Rohe aus England schrieb, um sich nach dem Verbleib seiner Familie zu erkundigen. Die Antwort von Ada – sie hatte die jüdische Familie vergeblich versucht zu verstecken und ihr zur Flucht zu verhelfen – fand sich dann nach langer Recherche im Schrank von Nachkommen in den USA.»

Wie werden die Schauspielerinnen und Schauspieler in diesem sogenannten hybriden Dokumentarfilm eingesetzt?
Gisiger: «Katharina Thalbach spielt die alte Georgia van der Rohe, ihre Tochter Anna Thalbach die junge. Sie spielen in fiktiven Interviews, in denen nur die Fragen erfunden sind, die Antworten aber authentisch, aufgrund der schriftlichen Quellen. Die beiden verkörpern die Frau wirklich fantastisch – so hat das Interview, das ich vor zwanzig Jahren versäumt habe, doch noch stattgefunden, und das Publikum kann einen Bezug zur Hauptfigur herstellen, der sonst nicht möglich wäre.»

Worum geht es für «The Mies van der Rohes» am Filmfestival von Locarno?
Gisiger: «In erster Linie geht es darum, Beziehungen zu möglichen Festivals für den Start und zu internationalen Verleihern zu finden. Der Kampf um Aufmerksamkeit für einen Film wird immer grösser, und immer wichtiger wird es, früh in Kontakt zu kommen mit Menschen, die sich für die Auswertung einsetzen wollen.»

Was wäre das Beste, das Ihrem Filmprojekt in Locarno passieren könnte?
Gisiger: «Im Idealfall, wenn ich jetzt einfach so wünschen könnte: ein ‚World Sales‘, der den Film international vertreibt, ein deutscher Verleih, Festivaleinladungen, und ja, ein Preis wäre natürlich auch toll.»

Wie haben Sie die Zeit der Pandemie erlebt?
Sabine Gisiger: «Ich gehörte zu den glücklichen privilegierten Menschen, die weiterarbeiten konnten. Ich habe via Zoom meine Studierenden an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) unterrichtet und mithilfe meiner Tochter die handschriftlichen Quellen aus den Nachlässen transkribiert. Sie musste zu Hause bleiben, weil das Tanzinternat, in dem sie arbeitet, geschlossen war. Und ich habe in ungewohnter Ruhe das Drehbuch überarbeitet. Für mich war es deshalb eine sehr schöne, intensive Zeit.»

Sie sind seit einigen Jahren Dozentin für Dokumentarfilm an der ZHdK (Bachelor- und Masterklasse Dokumentarfilm) und an der Hochschule Luzern (HSLU) im Bereich Design und Kunst. Was hat sich bezüglich Frauenemanzipation aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verbessert? Oder aber verschlechtert?
Gisiger: «Wir haben an der ZHdK eine weibliche Führung, die Departementsleiterin Marejike Hoogenboom, und die Leiterinnen der Fachrichtung Film, Sabine Boss und Chantal Haunreiter. Auch an der HSLU hatte es jetzt jahrelang mit Edith Flückiger eine weibliche Leitung. Ich habe erlebt, dass das einen Unterschied macht. Wir haben tolle Studentinnen, das macht mir immer besondere Freude.»

Wird Ihr akademischer Grad, «Frau Professorin Dr. Sabine Gisiger», in der Medienberichterstattung, in der eher männlich geprägten Welt der Berichterstattung, aufgenommen oder reflektiert?
Gisiger: «Nein, wird er nicht. Ist mir auch schon aufgefallen, dass diese Bezeichnungen in Artikeln bei meinen männlichen Kollegen genannt wurden und bei mir nicht. Ist mir aber nicht so wichtig, denn Titel sind mir nicht wichtig. Wenn ich mich das sagen höre, denke ich aber sofort an meine leider verstorbene Mutter – sie hätte so etwas gar nicht gern gehört. Denn ihr stand als Tochter einer Familie mit wenig Einkommen nur die kaufmännische Ausbildung offen, obwohl sie so gerne studiert hätte. Und es war ihr extrem wichtig, dass meine Schwester und ich eine gute Ausbildung bekommen, und es hat sie mit Freude und Stolz erfüllt, dass wir es geschafft haben.»

Am Filmfestival von Locarno, das am 4. August gestartet ist, trifft sich die Filmbranche und das Publikum in Teilen wieder physisch. Wie sieht Ihr Ablauf am diesjährigen Festival aus?
Gisiger: «Filme kucken, Freundinnen und Freunde treffen, mit Kolleginnen diskutieren, baden.»

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Gisiger: «Auf das Filmekucken und die Gespräche. Ich treffe immer auch viele Studierende, ehemalige oder aktuelle, und das finde ich immer besonders schön.»