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Dienstag
18.04.2017

Medien / Publizistik

Markus Zangger und Hugo Stamm

Eine Rechtfertigung um Kopf und Kragen hat Urs Leuthard in der «SonntagsZeitung» zur späten Berichterstattung des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) im Fall Jürg Jegge hingelegt.

Der Redaktionsleiter der «Tagesschau» von SRF erhielt in einer Replik unter Standpunkte in der Rubrik «Medienmacher» Gelegenheit für eine ausführliche Stellungnahme, die er gleich im zweiten Satz mit einer Attacke gegen den Autor des Artikels «Fall Jürg Jegge: Wie sich SRF überflüssig machte» Andreas Kunz begann.

Und das ging so: «In harschen Worten kritisierte Andreas Kunz am letzten Sonntag die 'Tagesschau' und '10 vor 10', weil wir erst am Freitag über den Fall Jegge berichtet hatten. Wären diese Vorwürfe von besorgten Bürgern gekommen, hätte ich viel Verständnis gehabt; der Fall ist schockierend, die Übergriffe sind als Verbrechen zu benennen.»

Der Klein Report wiederholt den Satz: «Wären diese Vorwürfe von besorgten Bürgern gekommen, hätte ich viel Verständnis gehabt…», so Leuthard. Wie bitte? Was anderes als ein besorgter Bürger sollte denn der Redaktionsleiter der «SonntagsZeitung» sein? Von Berufs wegen ist Kunz Journalist, der sich aufregt, der versucht aufzudecken, der sich mitteilt – im besten Fall als Kitt der Gesellschaft wirkt.

Das Schweizer Radio und Fernsehen hat tatsächlich erstmals am Freitagabend, am 7. April, über den Fall Jürg Jegge berichtet, dessen Missbrauchsopfer Markus Zangger bereits am 4. April mit seinem Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» an die Öffentlichkeit gegangen war.

Gemeinsam mit Co-Autor Hugo Stamm war Zangger am gleichen Abend Gast in der Sendung «TalkTäglich» auf TeleZüri bei Hugo Bigi. Dort sprach Zangger ausführlich über den mehrjährigen sexuellen Missbrauch durch den bekannten Schulpädagogen Jürg Jegge. Auch dieser wurde von der TeleZüri-Redaktion eingeladen, der sich aber mit dem fadenscheinigen Argument, er müsse erst das Buch lesen, nicht den ihm bekannten Vorwürfen stellte.

«Zangger und sein Co-Autor haben Jürg Jegge keine Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. Das ist aus Sicht von Zangger mehr als nachzuvollziehen», schreibt Urs Leuthard in seiner Replik wertend und haut dann gleich wieder auf den Überbringer der für ihn schlechten Nachricht, den Journalisten Andreas Kunz, drauf.

«Als Journalisten müssen wir aber, das weiss auch Andreas Kunz als Redaktionsleiter der 'SonntagsZeitung', sachgerecht berichten und dabei einfache Regeln beachten», kanzelt ausgerechnet Urs Leuthard den Journalisten ab, der sich und seine «Tagesschau»-Redaktion unglaublicherweise abkanzeln liess und brav abwartete, da Jürg Jegge «SRF ausrichten liess», «er werde Stellung nehmen, wenn er das Buch gelesen habe».

Urs Leuthard weiter: «Das hat er am Freitag in einem Interview mit SRF getan und die Anschuldigungen bestätigt. Damit waren für uns die Voraussetzungen für eine sachgerechte Publikation gegeben», rechtfertigt sich Leuthard, nachdem sich von Dienstag bis Freitag aber weitere Missbrauchsopfer zu Wort gemeldet hatten und der Sachverhalt mehr als klar war.

Zudem existiert ein Brief von Jegge an sein Opfer, in dem er seine Taten erkennt und ein Schuldeingeständnis anzeigt. Die Redaktionen von «10 vor 10» und der «Tagesschau» hätten auch über die Aussagen von Buch-Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx sich dem Thema schnell nähern können, oder aber über den Mitautor und Sektenspezialisten Hugo Stamm. Stamm ist kein Spring ins Feld. Der 68-jährige Journalist publiziert seit Jahren und weiss, wie man mit Opfern umgeht und sie vor allen Dingen schützt. Schützt vor weiterem Machtgehabe des Täters, was oft in Schweigen oder in juristischen Gegenangriffen daherkommt.

Dass ein «ein öffentliches Medienhaus wie SRF zurückhaltender agiert», wie Leuthard darlegt, ist eine reine Schutzbehauptung und hat mit anwaltlichem Journalismus nichts zu tun. SRF wolle «es sich leisten, die Sachgerechtigkeit und die publizistische Verantwortung höher zu gewichten», schwurbelt Urs Leuthard weiter.

Als wenn jede oder jeder andere Journalist, der zu den massiven sexuellen Übergriffen von Jürg Jegge recherchiert hat, die publizistische Verantwortung weniger hoch gewichtet.

Weiter wolle «SRF es sich leisten», so der Redaktionsleiter der «Tagesschau», «nicht den Reflexen zu folgen, sondern der Reflexion, wie es die Radio-Chefredaktorin Lis Borner im 'Echo der Zeit' gesagt hat.»

Eine griffige Wortkomposition als SRF SRF interviewte. Wir über uns, heisst das im Journalisten-Jargon und macht das Falsche zum Thema – sich selber.

Vollends übersteigert ist dann der in den ganz grossen Plural gefasste Schlusssatz: «Diese Sorgfalt sind wir nicht nur den Angeschuldigten, sondern vor allem auch den Opfern wie Markus Zangger schuldig.»

Amen, muss man da sagen. Fakt ist aber, den Fall Jegge haben die SRF-Nachrichtenredaktionen schlicht verschlafen. Erst in der Sendung «Club» vom 11. April wurde unter der Leitung von Karin Frei adäquat mit Hugo Stamm, Regula Schwager, Psychotherapeutin Opferberatungsstelle Castagna, Cornelia Kazis, Autorin, Fachjournalistin für Bildung und Erziehung, Jörg Brühlmann, Pädagogischer Leiter des Schweizerischen Lehrerverbandes und Thomas Knecht, Forensischer Psychiater diskutiert.