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Samstag
17.9.2016

Medien / Publizistik

Erdbeben von Lissabon 1755: Ist Gott tot?

«Charlie Hebdo» ist wieder in den Schlagzeilen. Wenige Tage nach dem Erdbeben in Amatrice veröffentlichte die Satirezeitschrift «Erdbeben nach italienischer Art».

In der Bilddarstellung werden die Opfer als Pastagerichte dargestellt. Nach einem Shitstorm im Netz verklagt das schwer zerstörte Amatrice die Satirezeitschrift wegen Diffamierung. Für den Klein Report kommentiert Medienexpertin Dr. Regula Stämpfli

Naturkatastrophen und Unfälle sind strukturell gesehen immer ganz besondere «Medien»-Ereignisse. Am 1. November 1755 wurde die damalige «Königin der Meere» durch ein Erdbeben dem Erdboden gleichgemacht. Tausende von Menschen wurden unter den Trümmern begraben, der Himmel war mit einer Staubwolke bedeckt, Feuer folgte, legte grosse Teile der Stadt in Schutt und Asche. Flutwellen zerstörten den Hafen und ertränkten Tausende von Menschen, die am Rande des Meeres Schutz vor dem Feuer gesucht hatten. 

Lissabon 1755 gab Ausschlag zu unzähligen philosophischen, literarischen, kurz medialen Abhandlungen. Kant, Voltaire und Goethe äusserten sich dazu: In Lissabon starb in der Erzählung der damaligen Denker der christliche Gott. Nach Fukushima 2011 schrieb ich vom Tod des technokratischen Gottes. Denn die Katastrophe in Japan war nicht einfach ausschliesslich «Natur», sondern in ihrer jahrhundertelangen Wirkung von der Technik induziert. 

Lissabon war Auftakt für das Denken über das Böse als Schicksal an und für sich, Fukushima war ein weiterer, horrender Punkt dessen, was Ulrich Beck mit der modernen «Risikogesellschaft» gekennzeichnet hat. Naturkatastrophen haben im 21. Jahrhundert das zusätzliche Übel, dass sie in Verbindung mit Technik, Politik, Baumassnahmen, Landschaftsgestaltung das schon existierende Leid multiplizieren.

Während indessen Katastrophen als solche auch gerichtlich verfolgt werden können und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, kennen Naturkatastrophen keinen Gerichtshof. Ansonsten hätte auch der Hurrikan Katrina schon unzählige Bauherren, Stadtplaner und Politiker hinter Gitter gebracht. 

«Charlie Hebdo» hat in zynischer Art und Weise den Zusammenhang zwischen Naturkatastrophe und der Mitschuld der Politik inklusive Technik auf den Punkt bringen wollen - jedenfalls kann die Bilddarstellung auch so interpretiert werden. Dabei hat die Redaktion inklusive Karikaturist nicht bedacht, dass sie damit die unzähligen Opfer verletzen. Dennoch finde ich den Hinweis, dass selbst Naturkatastrophen nicht einfach «Natur» und die Zerstörung inklusive der Tod so vieler Menschen nur «Schicksal» ist, wichtig. 

Es geht doch auch darum, solche furchtbaren Verheerungen in Zukunft zu verhindern. Es geht darum, gerade bei Bauwerken, Städten und Versorgung von Menschen sorgfältig und nachhaltig zu planen. Wie oft lesen wir in den Zeitungen, dass diese und diese Massnahme von den Behörden verschlampt wurde, weil dazu kein Geld vorhanden war und man einfach auf Zeit setzte und darauf hoffte, dass - entgegen der Geschichte und der Berechnungen von Fachleuten - nichts passieren würde? 

«Charlie Hebdo» hat mit seinen Bilddarstellungen auf die «italienische Krankheit» hingewiesen - die Mafia, die nicht erst seit den eindrücklichen Berichten des ständig mit dem Tod bedrohten Journalisten Roberto Saviano («Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra») fast täglich üble Schlagzeilen macht. Italien ist von mehreren undemokratischen Netzwerken überzogen, in denen alle mitmachen: Kleinunternehmer, Journalisten, Politiker, Beamte, sowohl links wie rechts, im Norden wie im Süden. Man denke nur an den Fall Moro, von dem erst kürzlich die Mittäterschaft der US-Geheimdienste vom obersten Gericht festgestellt wurde, und man erschreckt über die Geschichte Italiens der Nachkriegszeit. 

«Charlie Hebdo» hat wahrscheinlich mit der Zuspitzung der Bilderserie zu Amatrice auf all diese Zusammenhänge hinweisen wollen, doch in der Umsetzung waren die Bilder nur eine Verhöhnung der Opfer. 

Amatrice sollte indessen nicht einfach auf «Diffamierung» gegen «Charlie Hebdo» klagen (obwohl der Schritt durchaus nachvollziehbar und legitim ist), sondern gegen die italienische Herrschaft der Unverantwortlichkeiten. Wie können neue Bauten so leicht einstürzen? Weshalb warnt der oberste Anti-Mafia-Staatsanwalt des Landes vor einer Beteiligung Krimineller am Wiederaufbau? Der frühere italienische Regierungschef und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi forderte einen 30-Jahresplan für sein Land, da in stark erdbebengefährdeten Regionen «ohne Vernunft und Voraussicht» gebaut worden sei. «Unser Ziel darf es nicht mehr sein, die Städte und Dörfer um jeden Preis zu erweitern, sondern das, was existiert, sicher zu machen.»

Deshalb zeigt die Auseinandersetzung Amatrice gegen «Charlie Hebdo» sehr viel über Recht, Politik und Medien und die Notwendigkeit, Naturkatastrophen nur dort als Schicksalsschlag zu bewerten, wo wirklich die «Natur» Übeltäterin war, aber dort, wo es Verantwortung gibt, die auch zu benennen und daraus für die Zukunft zu lernen und dies medial auch endlich mal so zu kommunizieren. 

Denn das, was wir «Natur» nennen, ist mittlerweile ein vielarmiges Monster, das sich aus Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, Macht und Kosten zusammensetzt.