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Donnerstag
22.09.2016

Medien / Publizistik

NZZ.at: «Initialzündung für Neuerungen»

Am Montag wurde bekannt, dass Michael Fleischhacker den Chefredaktorenposten von NZZ.at an Lukas Sustala abgibt. Im März, nur ein gutes Jahr nach der Lancierung des österreichischen Ablegers, hatten neun Mitarbeiter gehen müssen. Wie steht es um den jungen digitalen NZZ-Titel? Der Klein Report hat bei Myriam Käser, Leiterin Unternehmenskommunikation der NZZ-Mediengruppe, nachgefragt.

Ist der Wechsel des Chefredaktorenamts auch mit einem Wechsel auf strategischer Ebene verbunden? 
Myriam Käser: «Michael Fleischhacker hat diesen Wechsel angeregt, weil er sich stärker auf das konzentrieren möchte, was er am liebsten tut: schreiben und moderieren. Zu einem grundlegenden Strategiewechsel wird es in diesem Zusammenhang nicht kommen.» 

Kommt es mit dem Amtswechsel zu neuen inhaltichen Akzentsetzungen?
Käser
: «Auf redaktioneller Ebene wird Lukas Sustala das Produkt als Chefredaktor sicher prägen. Die Beiträge von Michael Fleischhacker können die Userinnen und  User weiterhin regelmässig auf NZZ.at lesen und auch weiterhin seinen beliebten Samstag-Newsletter abonnieren.»

NZZ.at ist im Januar 2015 von Land gegangen. Das von Beginn weg digital geplante Produkt sollte auch als «Lernfeld» für das NZZ-Stammhaus in der Schweiz dienen, um neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen, wie Sie im Januar 2015 gegenüber dem Klein Report sagten. Welche Lehren hat die NZZ seither aus dem Werdegang seines österreichischen Digitaltitels gezogen? 
Käser
: «NZZ.at war das erste neue Produkt, das die NZZ-Mediengruppe nach Verabschiedung ihrer Strategie mit Fokus auf Publizistik lanciert hat. Es gab die Initialzündung für eine Reihe von Produktinnovationen in Print und digital. Von Beginn weg war es unser Ziel, NZZ.at im Austausch mit den Nutzerinnen und Nutzern weiterzuentwickeln. Ihre Feedbacks haben wir genutzt, um die Seite im letzten Herbst zu überarbeiten. Dabei haben wir beispielsweise den redaktionellen Fokus geschärft und jedem einen kostenlosen Einblick in NZZ.at ermöglicht.»

Und was hat die NZZ auf der technologischen Ebene aus ihrem östlichen Digitalprojekt gelernt?
Käser
: «Ja, auch technologisch ziehen wir wichtige Erkenntnisse aus NZZ.at. Bei einem nächsten Produkt würden wir die technische Infrastruktur nicht mehr von Grund auf neu bauen. 2014 waren wir technologisch noch nicht so stark aufgestellt wie heute. Jetzt haben wir in Zürich komplett neue CMS-, Marketing-, Bezahl- und Newsletter-Systeme, auf die wir NZZ.at bis zum Jahresende migrieren werden. Aus diesem Migrationsprozess ziehen wir wertvolle Erkenntnisse für die Skalierung unserer technischen Prozesse.» 

Und wie siehts auf der Marketing-Ebene aus?
Käser
: «Auch bei der Vermarktung hat NZZ.at neue Wege gepfadet; so nutzen wir beispielsweise die Firmenabos, die NZZ.at einsetzt, nun auch für andere Produkte und Kunden. Ein weiteres Beispiel sind Veranstaltungen. Wir haben bei NZZ.at von Beginn an stark auf Veranstaltungen wie Clubabende gesetzt, die bei Abonnentinnen und Abonnenten sehr gut ankommen. Als Folge daraus bauen wir nun auch in Zürich unser NZZ-Veranstaltungsangebot aus.»

Im März 2016 waren etwas widersprüchliche Signale zu hören: Einerseits hiess es in einer Medienmitteilung, das sich NZZ.at «als lieberale Stimme im österreichischen Medienmarkt gut etabliert» habe; andererseits mussten neun Mitarbeiter gehen. Wie steht es um NZZ.at im österreichischen Medienmarkt konkret? Können Sie dazu ein paar handfeste Angaben machen?
Käser
: «Wir haben mit NZZ.at in eineinhalb Jahren einen Auftritt im Markt erarbeitet, mit dem wir mehrere tausend Abonnenten und nochmals so viele Newsletter-Abonnenten überzeugen. Ihnen werden wir auch weiterhin erstklassigen NZZ-Journalismus bieten. Auch mit den NZZ.at-Clubabenden haben wir einige tausend Besucherinnen und Besucher angesprochen. Die Abende sind seit Anbeginn regelmässig ausgebucht. Das ist eine solide Basis, auf die wir weiter aufbauen werden. Die Investition in Österreich ist Teil unserer langfristig angelegten Internationalisierungs- und Produktinnovationsstrategie. Österreich ist und bleibt ein wichtiger Markt für uns. Die Trennungen waren erforderlich, weil wir NZZ.at bis zum Jahresende komplett auf unsere neue Marketing- und Technologieplattform migrieren werden. Mit dieser Umstellung werden sich die Funktionalitäten – etwa für Bezahlung und Login – und die technische Stabilität des Digitalprodukts NZZ.at weiter verbessern.»

Und wie steht es um die Finanzierung der NZZ.at zurzeit? Ist der Titel nach gut eineinhalb Jahren am Markt selbsttragend?
Käser
: «Zum Beitrag, den einzelne Produkte zum Ergebnis leisten, geben wir keine Auskunft. Insgesamt kann ich Ihnen aber sagen, dass die Einnahmen aus dem Lesermarkt im Geschäftsbereich NZZ steigen.»