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Sonntag
03.11.2013

Medien / Publizistik

Die Oberbürgermeisterin von Kiel, Susanne Gaschke, macht seit Wochen auch deutschlandweit Schlagzeilen. Am Montag trat sie zurück. Grund ist nicht vor allem, dass sie einen sachlichen Fehler gemacht hat, sondern die Art, wie sie damit umging. Gaschke, vor einem Jahr noch Journalistin, hat den Sessel gewechselt, aber nicht die Rolle. Marlis Prinzing, Journalistin und Medien-Professorin (Kön und Fribourg), kommentiert für den Klein Report.

Von aussen betrachtet, ist alles keine grosse Sache: Susanne Gaschke hat entschieden, einem Augenarzt einen Teil seiner Steuerschuld zu erlassen. Den Fall hatte sie bereits von ihrem Vorgänger auf dem Tisch, wollte ihn offenbar rasch erledigt haben, kannte sich aber nicht wirklich in der Sache aus und überging die Ratsversammlung. Das macht man nicht - und das ist ein Fehler, fand auch die Kommunalaufsicht. Diesen Fehler kann man eingestehen, ihn korrigieren und weitermachen. Doch in Kiel geschah etwas ganz anderes.

Da wurde aus dieser Geschichte ein Politskandal, der  mit dem Rücktritt der Oberbürgermeisterin nach gerade elf Monaten im Amt zumindest in eine neue Phase trat. Es ist zwar nicht nur der Skandal einer Person, sondern wie so häufig offenbart dieser Skandal Missstände und Fehlleistungen, für die weitere führende Köpfe in Stadt- und Landespolitik noch zur Verantwortung gezogen werden müssen. Doch: Die Steueraffäre machte den Kieler Ratssaal zur Bühne für ein Scheitern eines Öffentlichkeitsprofis an der Öffentlichkeit und in der Öffentlichkeit.

Denn die 46-jährige Susanne Gaschke war 15 Jahre lang politische Journalistin bei der Wochenzeitung «Die Zeit», sie ist seit einem Vierteljahrhundert Parteimitglied der Sozialdemokraten, ihr Mann ist Bundestagsabgeordneter für die SPD. Dem Journalismus kehrte sie den Rücken, weil sie nach ihrer eigenen Aussage nicht mehr immer nur die Schiedsrichterin spielen wollte. Offenbar wollte sie den Politikstil verändern. Das betonte sie immer wieder. Aber in welcher Rolle eigentlich? Als Trainerin für alle? Als Oberbürgermeisterin? Als Journalistin? Sie hat den Sessel gewechselt, aber den Rollenwechsel nicht vollzogen.

In der Steueraffäre zeigte sie - typisch Journalistin -  auf alle möglichen Leute: auf ihren Vorgänger im Amt, auf Parteikollegen, Rathausmitarbeiter, Oppositionspolitiker, statt - wie es für Politiker typisch wäre - Allianzen zu bilden. Charakteristisch oder mindestens üblich für eine Politikerin wäre gewesen, sich ganz genau die bestehenden Hierarchien anzusehen, die Regeln zu studieren, nach denen vor Ort das politische Spiel läuft, und sich zu fragen, was aus politischer Sicht besser innerhalb der Rathausmauern verhandelt würde.

Gaschke aber wollte - typisch Journalistin - öffentliche Aufklärung, als es eng für sie wurde, wollte offenbar am Beispiel der Steuergeschichte den Kieler Politikstil in der Öffentlichkeit verhandeln, ihn als Missstand an den Pranger stellen. Doch das können nur jene, die angetreten sind, das andere System, in diesem Fall das politische System zu beobachten. Und die müssen «beide Seiten» im Blick behalten.

Gaschke aber setzte sich zwei Hüte auf, wollte Politik mal kommentieren, mal gestalten: Immer wieder drohte sie (und auch ihr Ehemann!), sie würde den Medien die SMS des Ministerpräsidenten zuspielen, wo dieser ihr nicht nur gute Ratschläge gegeben, sondern auch Sätze formuliert hat, die sie als Beeinflussung der Kommunalaufsicht interpretierte, die dann tatsächlich befand, beim Steuerdeal habe Gaschke einen Fehler gemacht.

Gaschke dachte meistens wie eine Journalistin, wurde aber behandelt wie eine Politikerin. Auch von den Medien. Sie scheint das weder erwartet zu haben noch damit klargekommen zu sein und  tappte in die Selbstbeobachtungsfalle. Allerdings andersrum. Journalisten wirft man vor, über andere weit schärfer zu berichten als über Kollegen der eigenen Branche. Und so sind viele Journalisten es überhaupt nicht gewohnt, herbe und teils auch ungerechte Kritik in einem Masse einzustecken, wie sie (aber nicht nur sie) dies Politikern oft, wenngleich nicht immer zu Recht, zumuten. Gaschke kam  damit nicht zurecht, auch deshalb traf es sie ins Mark, als die Opposition im Sommer wegen der Steuergeschichte einen Untersuchungsausschuss beantragte und damit tat, was ihr Auftrag ist: Sie machte Opposition.

Sie fühle sich politisch, persönlich und medial skandalisiert, klagte Gaschke in ihrer Rücktrittsrede. Eine der örtlichen Zeitungen, die das ihr drohende Abwahlverfahren mit dem Verfahren gegen den ehemaligen Bürgermeister von Duisburg verglich, habe ihren Fall mit dem Tod von 21 Menschen in Verbindung gebracht. Ihr, die das Gute gewollt habe, begegne nun Hass bei so manchen Politikern - und in den Kommentaren der «Kieler Nachrichten». Dem Blatt, das liess sie unerwähnt, bei dem sie von 1995 bis 1997 volontiert hatte.

Klar, manches, was ihr widerfuhr, war nicht nett. Ein «Spiegel»-Kolumnist spottete kürzlich über Gaschkes für die «Zeit» typischen Gutmenschen-Blick, wonach sich einfach mit ein wenig gutem Willen die Dinge zum Besseren wenden lassen. «Ja, Teufel auch!», fand Gaschkes ehemaliger Kollege Jens Jessen in der «Zeit», man würde selbigen Kolumnisten gerne  «dabei beobachten, wie er versucht, mit viel bösem Willen die Dinge zum Guten zu wenden». Jessens Kommentar liesse sich ebenfalls als guter Rat interpretieren: Manchmal hilft es, den Spiess umzudrehen. Doch selbst, wenn Gaschke diesen Rat angenommen hätte, es war zu spät: Da lagen schon viele nervenzehrende Auseinandersetzungen hinter ihr sowie eine weinerliche Anklagerede im August im Ratssaal.

«Ich war in dieser Rede den Tränen» nahe, knüpfte sie in ihrer Rücktrittrede an, um noch ein weiteres Mal auszuholen: «Die testosterongesteuerten Politik- und Medientypen, die unseren Politikbetrieb prägen und deuten, fanden, das sei weich.» Nun erklärte sie ihr Scheitern mit ihrem Geschlecht, erteilt sich indirekt die Absolution und beschädigt, wohl unbewusst, Frauen, die durch die Glasdecke wollen.

Aber das überzeugt nicht. Nicht nur, weil viele Frauen offensichtlich dem medialen wie dem politischen Druck standhalten. Dieser letzte Angriff ist vielmehr ein weiterer Beleg, dass Gaschke doppelt gescheitert ist:  Erstens an sich selbst. Zweitens am unvollständig vollzogenen Rollenwechsel von der Medienfrau zur Politikfrau - ein Phänomen, mit dem sie nicht alleine steht: Rudolf Augstein kehrte vor bald 40 Jahren nach drei Monaten als FDP-Bundestagsabgeordneter in die «Spiegel»-Chefredaktion zurück, Theo Sommer zog nach einer Phase als Experte im Verteidigungsministerium gerne wieder in ein Chefbüro bei der «Zeit».