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Freitag
18.10.2013

Medien / Publizistik

Warum der Bischof von Limburg nicht einfach ein Medienopfer ist und warum neben der Causa Tebartz-van Elst auch die Causa Kirche nicht vergessen werden darf. Für den Klein Report kommentiert Marlis Prinzing.

Eine Badewanne für über 18 000 Franken. Ein hängender Adventskranz, für den man auch das Dach ändern musste - Kosten: sechsstellig. Lügen, Verdacht auf öffentliche Falschaussagen. Erstklasseflug in die Dritte Welt, um - wie er selbst sagt - ausgeruht anzukommen: Menschen machen Fehler. Auch Bischöfe. Und weil Bischöfe öffentlich im Scheinwerferlicht stehen, werden ihre Fehler öffentlich diskutiert, sobald sie ans Licht kommen oder sich zu einem Fehlerberg häufen. So ergeht es gerade Franz-Peter Tebartz-van Elst, Bischof in Limburg, mitten in Deutschland.

Nun plötzlich spricht jeder über den rund 38 Millionen Franken teuren Umbau seines Bischofssitzes (zu dem aber nicht nur seine Privatgemächer zählen), über seinen Umgang mit Fakten, Zahlen, Geld und der Wahrheit. Nun plötzlich ist er ein Gejagter unter Dauerbeobachtung. Im Sonntagstalk bei Günther Jauch sehen wir seine neuen beleuchteten Regale, montags erfahren wir, er sei im Billigflieger nach Rom geflogen, dienstags, er wohne nicht im Vatikan, sondern in der Stadt ...

Häme ist jedoch fehl am Platz. Es geht um die öffentliche Verhandelbarkeit von Schuld. Das muss möglich sein in einer aufgeklärten, demokratischen Mediengesellschaft - auch zur Selbstvergewisserung: Welches Verhalten halten wir für tragbar, welches nicht? Medien müssen das Forum bieten für diesen Diskurs. Kernfrage ist: Wie geht die Öffentlichkeit um mit dem moralischen Versagen insbesondere von Personen des öffentlichen Lebens?

Der Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, spricht auch noch von einer Medienkampagne, als bereits klar ist, dass sogar ein Strafbefehl beantragt wurde. Im «Manager Magazin» argumentiert ein Kommunikationsberater, der gerne zum Ratgeber des Bischofs geworden wäre, die Debatte sei «hysterisch und auf Krawall gebürstet».

Man findet den Überbringer der schlechten Nachricht wieder einmal noch abstossender als das Verhalten desjenigen, der hier Anstoss erregte. Medien haben aber die Pflicht, öffentlich zu kritisieren, wenn sich Personen oder Institutionen falsch verhalten und dadurch der Allgemeinheit Schaden entsteht; es ist unangemessen, dies als Kampagnen zu verunglimpfen, mit denen einfach Auflage gemacht werden soll.

Die Causa Tebartz-van Elst ist erneut Beispiel, dass dringend auf breiter Ebene bewusst werden muss, wie wichtig kritische Medien nicht nur in weit entfernten Ländern, sondern auch bei uns sind, um Missstände aufzudecken und dazu beizutragen, dass diese abgestellt werden. Freilich mit Grenzen. Ethisch argumentiert, ist aus Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber zwingend, die Fehler des Bischofs ans Licht zu bringen. Aber die Unschuldsvermutung, die Privatsphäre (dort, wo sie nichts Relevantes zum Thema beiträgt) und die Chance zur «Resozialisierung» sind zu wahren.

Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage nach der Schuld des Bischofs: er ist schuldig, indem er der Verletzung von Regeln, Verhaltensweisen und Moralvorstellungen überführt wurde, die unsere Gesellschaft überwiegend als angemessen betrachtet. Die Vorwürfe können bis hin zur Straftat reichen, müssen es aber nicht. Ein Geistlicher, noch dazu unter Papst Franziskus, der seine Kirche und ihre Vertreter zur Bescheidenheit auffordert, kann sich dieses Mass an Selbstbezüglichkeit einfach nicht (mehr) leisten. Gerade weil viele Menschen trotz aller Skepsis der Institution Kirche gegenüber Kirchenvertreter gerne als Vorbild und Orientierungsgeber sehen, wiegt noch schwerer, wenn man bei ihnen Prunk feststellt. Bei einem Filmstar, einem Sportfunktionär oder einem Wirtschaftsführer würde keinen gross stören, wenn sie teure Wannen kaufen. Ein Bischof hat andere Aufgaben, eine andere Art von Reputation und von ihm wird ein anderes Bewusstsein erwartet: Er unterlässt solche Anschaffungen einfach.

Immer wieder wird kritisiert, «die Medien» gingen nun alle auf dasselbe Thema. Natürlich! Wenn etwas ein Thema ist - wie in diesem Fall -, dann wundert eher, wenn manche sich wundern, dass dies alle Medien so sehen. Aber sie packen es, wie immer, mit verschiedenen Stilen an, die einen boulevardesk, die anderen sachlicher. Freilich: Manches müsste wirklich nicht sein. Es ist begründbar, dass «Bild» die Anschaffungen des Bischof für seine Privatgemächer enthüllt, aber überflüssig, spöttisch Ausreden vorzuschlagen für das Gespräch mit dem Papst (Beispiel: «Gott hat alles gewusst, ich hatte seinen Segen ...»).
«Die Medien hören nicht auf und wiederholen dieselben Vorwürfe ...» - auch solche Kritik kommt oft. Stimmt, manche Medien (und deren Publika) weiden sich regelrecht am Leid anderer. Andererseits müssen Medien Fehlleistungen auf der Bühne der Öffentlichkeit halten, bis geklärt ist, ob die Gesellschaft sie hinnimmt oder ob der, der sie verursacht, Konsequenzen ziehen muss. Sonst arbeiteten sie Funktionsträgern in die Hände, die meinen, man könne Probleme einfach aussitzen.

Der Umgang mit Fehlern und Schuld fällt vielen schwer. Dies befördert Salamitaktik, die Neigung, zu vertuschen und zu beschönigen oder zum Gegenangriff überzugehen. Ist ein Fehlverhalten öffentlich in der Diskussion, wird durch solche Reaktionen alles aber nur schlimmer, denn dann erwartet die Öffentlichkeit möglichst rasch eine Form der Reue. Das steht bei Tebartz-van Elst noch immer aus.

Tritt er zurück, muss der Scheinwerfer aber weiterschwenken. Auch hier sind Medien gefordert. In Deutschland und in der Schweiz überwiegt die Tendenz, Fehler zu einem vernichtenden Urteil über eine Person zu übersteigern. Fehler scheinen unentschuldbar. Diese Art von Unerbittlichkeit ist kein Medienphänomen, sondern spiegelt eine in der Gesellschaft verbreitete Sichtweise. Medien könnten zu Differenzierungen beitragen: Ist jemand persönlich gescheitert? Gesellschaftlich? Mit einem Projekt?

Fehler sollen keineswegs folgenlos bleiben. Eine Managerin oder ein Manager sollen für ihre Fehlentscheidungen zur Verantwortung gezogen werden. Einem Radprofi, der nur durch systematisches Doping siegt, werden die Titel zu Recht aberkannt. Und ein Bischof, der sich mindestens nicht kümmert, wie teuer seine Einrichtung ist, muss dafür geradestehen. Ihre Fehler wurden nicht von Medien konstruiert. Sie machen sie aber auch nicht zum Schuft: Jeder verdient eine weitere Chance - aber nicht zwingend auf demselben Posten.

Und schliesslich: Medien müssen Hintergründe und Zusammenhänge zeigen. Es genügt nicht, sich auf die Causa Tebartz-van Elst zu beschränken. Medien haben dann erst ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie Sorge tragen, dass öffentlich geklärt wird, wie künftig in den kirchlichen Haushalten und mit dem Kirchenvermögen hantiert werden soll. Will man weiterhin riskieren, dass Vorschriften unterlaufen, Kontrollinstanzen zerstört oder gefügig gemacht werden? Oder müssten Haushalte und die Kontrollmechanismen generell offengelegt werden?

Überfällig ist zudem ein Nachdenken über Führung und kollegiale Verantwortung. In Limburg hat sich nicht einfach ein Bischof wie ein Kirchenfürst aus dem Mittelalter benommen. Was dort möglich wurde, belegt auch, dass die Ergebenheit Obrigkeiten gegenüber sowie die «kollegiale Solidarität» der Oberen, durch die mitunter auch grobe Fehler unter der Decke bleiben, nicht mehr in die Zeit passen und reformiert werden müssen. Medien haben die Aufgabe, den Diskurs mitanzustossen, damit dies gelingt.