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Dienstag
29.06.2021

Medien / Publizistik

Jens Petersen: «Sprache ist historisch gewachsen und verändert sich nicht sprunghaft. Das generische Maskulinum verliert an Kraft...» (© Bild: dpa)

Die Zeit schreitet voran, die Sprache wandelt sich – und nun ziehen die Nachrichtenagenturen nach: In einem gemeinsamen Vorgehen wollen die grössten deutschsprachigen Nachrichtenagenturen in Zukunft «diskriminierungssensibler» schreiben, wie der Klein Report bereits berichtete.

Gemeint ist damit vor allem, dass das generische Maskulin weniger häufig verwendet und dafür genderneutrale Sprache eingesetzt wird. Unterstützt wird die Initiative konkret von der Deutschen Presse-Agentur (dpa), Keystone-SDA (sda), von Agence France-Presse (AFP), der Austria Presse Agentur (APA), dem Evangelischen Pressedienst (epd), der Katholischen Nachrichten-Agentur (kna), Reuters und vom Sport-Informations-Dienst (SID).

Der Klein Report hat bei dpa-Kommunikationschef Jens Petersen nachgefragt, von wo die Initiative zur Anpassung der Sprache stammt, was dies für den Redaktionsalltag bedeuten wird und wie das generische Maskulin in Zukunft «schrittweise zurückgedrängt» werden soll.

Wie haben sich die acht Agenturen auf dieses gemeinsame Vorgehen geeinigt? Von welcher Agentur kam die Initiative dazu?
Jens Petersen: «Nach der Rechtschreibreform hat sich die Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen als gemeinsames Diskussionsforum und Netzwerk etabliert, das zu gemeinsamen Positionen findet. Die Idee für ein gemeinsames Vorgehen im Hinblick auf eine diskriminierungssensible Berichterstattung ist über einen längeren Zeitraum im kontinuierlichen Austausch untereinander entstanden. Die Agenturen stimmen sich auch in anderen Fragen immer wieder ab, wie beispielsweise bei Transkriptionen. Die gemeinsamen Kunden sollen nach Möglichkeit ein Angebot erhalten, das in den wichtigen Standards einheitlich ist.»

Was bedeutet dieses Vorgehen konkret für den Redaktionsalltag? Fliessen diese Grundsätze beispielsweise in die Leitlinien der Redaktionen ein?
Petersen: «Wir bei dpa beschäftigen uns schon seit längerer Zeit mit diskriminierungssensibler Berichterstattung. Die meisten der veröffentlichten Grundsätze sind nicht erst seit wenigen Tagen Teil unseres Redaktionshandbuchs. Unsere Kunden entscheiden selbstverständlich komplett selbst, wie sie mit unseren Inhalten arbeiten.»

Wurden weitere Agenturen für dieses Vorgehen angefragt?
Jens Petersen: «Nein, es wurden keine weiteren Agenturen angefragt.»

Das generische Maskulinum soll gemäss der Stellungnahme vom 21. Juni 2021 «schrittweise zurückgedrängt werden». Wie geht das vonstatten?
Petersen: «Sprache ist historisch gewachsen und verändert sich nicht sprunghaft. Das generische Maskulinum verliert an Kraft, ist in bestimmten Kontexten aber noch tief im allgemeinen Sprachgebrauch verankert. Nachrichtensprache muss kurz und kompakt sein. Auch deshalb ist das generische Maskulinum nicht nur in Überschriften nicht von heute auf morgen komplett zu ersetzen. Aber im Laufe der Zeit werden wir deutlich weniger oft als bisher darauf zurückgreifen.»

Was sind die nächsten Schritte?
Jens Petersen: «Wir befragen unsere Kunden zu diesem Thema, werten die Antworten aus und schalten uns im Herbst in der Arbeitsgemeinschaft wieder zusammen. Dabei wollen wir dann beraten, wie die nächsten Schritte aussehen können.»

Wie haben die Redaktionen auf diese Ankündigungen reagiert?
Petersen: «Viele Redaktionen führen ähnliche Diskussionen wie wir. Die bisher sichtbaren Ausprägungen in den Blättern, Portalen und Sendungen sind daher sehr unterschiedlich. Deshalb wollen wir mit Hilfe der kommenden Umfrage zunächst valide Daten sammeln und dann die möglichen Schritte besprechen.»

Jüngere Journalistinnen und Journalisten sind eher bereit, den Genderstern zu verwenden als ältere Redaktoren. Können Sie sagen, ob Sie bei der dpa in internen Diskussionen eine ähnliche Situation beobachten konnten?
Jens Petersen: «Natürlich wird auch bei der dpa redaktionsintern über den Genderstern oder andere Formen gendergerechter Sprache diskutiert. Tendenziell ist das wahrscheinlich eher ein Thema, das jüngere Kolleginnen und Kollegen bewegt. Aber es gibt genauso bei den Älteren Befürworter und bei den Jüngeren Gegner des Gendersterns. Die Diskussion verläuft nicht unbedingt entlang der Generationengrenzen.»