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Dienstag
22.09.2020

Medien / Publizistik

Anti-Lockdown-Demo Mitte Mai in Bern: «Wer ein Heft betitelt mit 'Corona – das riesige Nichts', der muss davon ausgehen, dass der Leser das so versteht, dass es dieses 'riesige Nichts' nicht gibt. Sonst wäre es ein 'Etwas'.»

Als im Mai Demos gegen den Lockdown durch die Strassen zogen, berichtete die «NZZ am Sonntag» (NZZaS) ausführlich über einen der Hintermänner: Christoph Pfluger, Journalist und Herausgeber des linksalternativen Magazins «Zeitpunkt».

«Wer hinter dem Protest steckt» titelte die Zeitung am 17. Mai 2020. Lukas Häuptli und Andreas Schmid schilderten in der Story, wer die wichtigsten Figuren hinter den Protesten gegen die Corona-Massnahmen sind. Neben Alec Gagneux ging der Bericht vor allem auf Christoph Pfluger ein.

Von Pfluger wird gesagt, er schreibe in seinem Magazin «Zeitpunkt» gegen den Lockdown an. In einem Sonderheft habe er bezweifelt, dass das Virus überhaupt einmal da gewesen sei. Titel der Nummer: «Corona – das riesige Nichts».

Dass sich auch Rechtsextreme bei den «Mahnwachen» tummelten, halte der «Zeitpunkt»-Herausgeber zwar für verwerflich. «Pfluger begab sich aber mehrmals selbst in den Dunstkreis von Rechtsaussen.»

Als Beleg dafür nennt der Artikel unter anderem Christoph Pflugers Auftritt bei alpenparlament.tv, welches von Martin Frischknecht betrieben werde, einem «Verschwörungstheoretiker mit Hang zu Esoterik und rechtsradikalen Positionen».

Auch Pflugers Auftritt in Sendungen des deutschen Videoproduzenten Ken Jebsen nennen die beiden Autoren der «NZZ am Sonntag» in diesem Zusammenhang. Dem früheren Radiomoderator Jebsen seien 2011 antisemitische Äusserungen vorgeworfen worden, heute verbreite er Verschwörungstheorien und sei einer der Drahtzieher der Demos gegen den Lockdown in Deutschland.

Die Berichterstattung in seiner Sache stiess dem Journalisten sauer auf. Christoph Pfluger forderte von der Chefredaktion der «NZZ am Sonntag» eine Gegendarstellung und die Löschung einzelner Passagen. Er streite die Existenz von Sars-CoV-2 keineswegs ab, sondern zweifle nur daran, dass das Virus zu einer höheren Übersterblichkeit führe als eine schwere Influenza-Welle. Die «NZZ am Sonntag» lehnte die Forderung ab.

Mit dem gleichen Argument protestiert Pfluger schliesslich vor den Presserat. Dieser fand in seiner Stellungnahme ungewohnt deutliche Worte: «Wer ein Heft verantwortet, in welchem Verschwörungstheorien diskutiert werden wie diejenige, dass Bill Gates hinter der Problematik stecke und dieses Heft betitelt mit ‚Corona – das riesige Nichts‘, der muss davon ausgehen, dass der durchschnittliche Leser, die durchschnittliche Leserin das so versteht, dass es dieses ‚riesige Nichts‘ nicht gibt. Sonst wäre es ein ‚Etwas‘.»

Pfluger hat damit klar den Eindruck erweckt, dass er «an der Existenz des Problems Coronavirus zumindest zweifelt». Dafür spricht auch seine Bemerkung im Interview, wonach das Ding am Verschwinden sei, und man sich frage, «ob es jemals da gewesen» sei.

Und auch im zweiten Streitpunkt hat die «NZZ am Sonntag» nicht gegen die Wahrheitspflicht verstossen. Wenn sich jemand auf Plattformen von Verschwörungstheoretikern bewege, die scharf rechtsnationalistische bis rechtsextreme Thesen vertreten, darf man zu Recht davon sprechen, er habe «sich mehrmals in den Dunstkreis von Rechtsaussen» begeben.

Damit sei Christoph Pfluger aber noch nicht als Rechtsradikaler tituliert worden, hält der Presserat weiter fest. Der Artikel wies ja auch ausdrücklich darauf hin, dass es Pfluger nicht wohl gewesen sei mit der Präsenz von Rechtsradikalen bei seinen «Mahnwachen».