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Mittwoch
07.04.2021

Kino

Ach wie schön ist es ein Uigure zu sein: Szene aus «The Wings of Songs»... (Bild: CCTV)

Im Juli wird in China der 100. Geburtstag der kommunistischen Partei gefeiert. Für einige ein Grund zur Party. Für andere eher ein lästiger Pflichttermin.

Vergleichbar vielleicht mit Weihnachten im Kreis einer arg verkrachten Familie, wo ein übermächtiger Vater die schon lange von ihm abgewandten Kinder zum gemeinsamen Singen nötigen will.

Konkret in diesem Sommer in China: Ein Musical mit dem Titel «The Wings of Songs» soll aufzeigen, wie glücklich sich die unterdrückten Uiguren im vereinigten China fühlen. Das berichtet die «New York Times». Um die nötige Breitenwirkung zu erzeugen, wird das staatlich unterstützte Singspiel als Film vor das Publikum gebracht. Der Inhalt: Nichts da von Völkermord und Zwangsarbeit für eine muslimische Minderheit in Xinjiang.

Die Diktatur von Xi Jinping lässt in ihrem Musical-Film die nordwestliche Region Xinjiang für die Chinesen in ein idyllisches Paradies umdeuten.

Am 28. März ist «The Wings of Songs» in die chinesischen Kinos gekommen. Auch die britische Zeitung «The Guardian» hat das Machwerk bereits gesehen und schreibt: «Der Film handelt von drei Männern aus verschiedenen ethnischen Gruppen, die von ihrem Erfolg träumen. Hierfür finden sie zwischen schneebedeckten Bergen und der weit ausdehnenden Steppe ihre musikalische Inspiration.»

Damit die Zuschauer keine Zeit zum Hinterfragen haben, sind in einer Szene zum Beispiel uigurische Frauen zu sehen, die im mitreissenden Bollywood-Stil mit einer Gruppe uigurischer Männer tanzen. In einer anderen Szene gibt ein kasachischer Mann einer Gruppe von Freunden ein einlullendes Ständchen mit einer traditionellen zweisaitigen Laute, während er in einer Jurte sitzt.

Und wer schaut sich das an?

Hier kommen wir nach der Kür zur Pflicht im Programm der landesweiten Jubiläumsparty der Partei.

Mindestens zweimal wöchentlich müssen 2021 in allen Kinos in China Propagandafilme gezeigt werden. Mit den Filmen solle eine «grossartige und herzliche Atmosphäre für das Fest geschaffen werden», heisst es in einer Anweisung, die am 5. April auf der Webseite der Nationalen Filmverwaltung aufgeschaltet wurde.

Dabei müsse auch sichergestellt werden, dass die Kinos bei den Aufführungen gut besucht werden. Dafür müssten Parteimitglieder, Funktionäre und andere Zuschauer mobilisiert werden, ordnete das Amt an. Genannt wurden Werbung, verbilligte Tickets und «andere Wege».

Es gehe darum, «Klassiker wieder zu erleben» und «Patriotismus sowie traditionelle, revolutionäre Erziehung zu erhalten».

Ob das im heutigen China noch funktioniert? Zumindest beim Musical zu den Uiguren gibt es Zweifel: «Die Vorstellung, dass Uiguren singen und tanzen können, also gibt es keinen Völkermord – das wird einfach nicht funktionieren», zeigt Nury Turkel, ein uigurisch-amerikanischer Anwalt und Senior Fellow am Hudson Institute in Washington, kein Musikgehör. Und er bleibt nüchtern: «Völkermord kann an jedem schönen Ort stattfinden.»