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Mittwoch
01.12.2021

Medien / Publizistik

Der Druck auf die Olympischen Spiele in Beijing muss steigen, wollen wir demokratische Sportnationen uns noch in den Spiegel schauen können. (Bild © olympics.com)

Der Klein Report berichtete: Zhang Zhan, für die einen Journalistin, für die anderen «Bloggerin» und für die chinesische Regierung eine Verbrecherin, schwebt in Lebensgefahr. Gäbe es die westlichen Onlinemedien nicht, wir wüssten alle nichts vom Schicksal dieser Menschenrechtsanwältin und Heldin der Information. 

Peng Shuai ist chinesischer Tennisstar – und seit ihrer Veröffentlichung über sexuellen Missbrauch in den höchsten Funktionärsebenen der Volksrepublik spurlos verschwunden. 

Regula Stämpfli – sie verfasste ihre Masterarbeit über die Volksrepublik und hat nie aufgehört, über das faszinierende Land weiter zu berichten – plädiert hier, exklusiv für den Klein Report, für einen diplomatischen Boykott der olympischen Winterspiele 2022 in der Volksrepublik China. Sie sieht nicht ein, weshalb zeitgenössische Demokratien lieber tote Heldinnen feiern statt durch aktives Eingreifen lebende Heldinnen zu retten und die Demokratie zu verteidigen.

Die Olympischen Spiele wurden während der Zeit des Kalten Krieges dafür genutzt, die westlichen Demokratien gegen die kommunistischen Systeme zu verteidigen. Am 12. April 1980 beschlossen die USA, die Olympischen Spiele in Moskau zu boykottieren, viele westliche Demokratien, unter anderem die BRD, schlossen sich dem Boykott an. 

Der Zehnkämpfer Kratschmer schrieb damals, zusammen mit einem Ghostwriter, für das Nachrichtenmagazin «Stern» ein Tagebuch aus Moskau. Seine Meinung wird bis heute kolportiert: Boykotte brächten nichts. 

Die Geschichte zeigt indessen andere Fakten. Der von den Demokratien angeführte Protest gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan 1979 zum Beispiel war ein symbolisch wichtiges Zeichen und läutete den endgültigen Niedergang des Ostblocks ein. Die Absage 1980 war Auftakt der freien Welt gegen alle kommunistischen Diktaturen, Unrechtsregimes, Autokratien und globale Menschenrechtsfeinde. 

Boykotte sind wichtig, selbst wenn sie nur symbolisch sind. Sie befeuern öffentliche Diskussionen über den Stellenwert von Meinungsfreiheit und Menschenrechten.

Wir spulen nach vorn ins Jahr 2021. Ein wenn auch nur diplomatisches, dafür symbolisch starkes Zeichen gegen die Volksrepublik China ist erwünscht. Die letzten olympischen Spiele in China im Jahr 2008 füllten nur die Kassen des IOC. Global erlitten seitdem alle demokratischen Fortschritte Rückschläge durch die aggressive Expansionspolitik der Volksrepublik. 

Die Menschenrechtssituation im theoretisch kommunistischen, faktisch globalkapitalistischen Staat hat sich seit 2008 massiv verschlechtert. Uiguren werden in Xinjiang zwecks «kultureller Anpassung» verhaftet, gefoltert und mit hohen Gefängnisstrafen unterdrückt. Die Demokratiebewegung in Hongkong wurde brutal niedergeschlagen. 

Anders als damals gegenüber den Flüchtlingen der kommunistischen Diktaturen 1956 und 1968 gewährte der Westen im 21. Jahrhundert leider keine hunderttausendfache Aufnahme von hochqualifizierten Hongkong-Flüchtlingen: Eine verpasste Chance für die Zukunft, wenn es darum geht, unsere Demokratien mit freiheitsliebenden Chinesen und Chinesinnen gegen die Volksrepublik zu schützen. 

Die aktuellen Fälle Zhang Zhan (Medien) und Peng Shuai (MeToo) verstärken den Eindruck, dass die Volksrepublik China sich um die internationale Meinung sowie Menschenrechte foutieren kann: Der Renminbi rollt unverdrossen weiter. 

Selbst die Tatsache, dass uns China die schlimmste Pandemie seit über 100 Jahren beschert hat, scheint weder das IOC noch den Westen zu kümmern: Schliesslich bezahlen wir Menschen und nicht die globalen Eliten den hohen Preis einer verfehlten, intransparenten, globalen Machtpolitik.

Solange sich der Westen nicht einmal auf eine symbolische Aktion zugunsten der Wahrung von Menschenrechten und Demokratie einigen kann, solange sieht unser aller demokratische Zukunft mehr und mehr wie eine chinesische Dystopie aus, unter welcher schon jetzt Millionen Menschen leben müssen. 

Deshalb ist klar: Der Druck aufs IOC und die Olympischen Spiele in Beijing muss massiv steigen, wollen wir demokratischen Sportnationen noch in den Spiegel schauen können. Symbolische Boykotte wirken – wir sehen dies ja an der teilweise sehr effizienten «Cancel Culture».