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Donnerstag
8.12.2016

Medien / Publizistik

Big Data alleine konstituiert keine Macht...

Eine gängige, mittlerweile veraltete These besagt, dass Schönheit die Wahlen entscheidet. Ersetzt man «Schönheit» durch «Big Data», so hat man eine neue These, die derzeit in den Medien heiss diskutiert wird.

Für den Klein Report kommentiert Medienexpertin Regula Stämpfli, welches die Faktoren sind, die wirklich über Macht und Wahlerfolg entscheiden. Die Frage: «Entscheidet Schönheit die Wahlen?» beantwortete 2009 der damalige Leiter der Wahlstudie «Selects» mit einem «JA». Daten-Basis? – Keine. Aber gute Schlagzeile, geile Mediengeschichte, noch geilere Karriere zum Professor.

Dabei genügt ein Blick in die real existierenden Parlamente für die Erkenntnis, dass Schönheit kein Blankoscheck für den Wahlerfolg ist. Angela Merkel ist eine starke Bundeskanzlerin, doch die Miss-Wahlen muss und wird sie nicht gewinnen.

Also: Bullshit-Forschung mit hoher Medienattraktivität. Denn der Wahlgewinn setzt sich aus einer Kombination von Faktoren zusammen: Karriere, Schule, Medienpräsenz, Vernetzung in Partei, Gesellschaft, Kultur, Medien und Business, Familienzugehörigkeit, Rhetorik, Zivilstand, Geschlecht, politische Kultur des Wahlbezirks, wirtschaftliche Situation, Ratingagenturen und Umfragen et cetera.

2016 sind die verblödeten, evolutionsidiotischen Attraktiv-Studien durch Big Data ersetzt worden. Der Artikel im «Magazin» mit dem Titel «Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt» behauptet, dass Donald Trump der erste Korrelationskönig, respektive Big-Data-Shot sei. Nicht nur das: Big Data sei verantwortlich für den Brexit, Big Data regiere, manipuliere mittlerweile die ganze Welt.

Die Debatte läuft nun heiss unter den Jungs. War es nun «der weisse, arbeitslose Mann, der Feministinnen hasst», waren es die «Fake-News», waren es gar «die Frauen» oder eben «Big Data», die Trump zum Präsidenten gemacht haben, obwohl die Experten und Medien alle das Gegenteil voraussagten?

Es geht in jeder Analyse um ahistorische, kategorienverhaftete und völlig entpolitisierte Erklärungen. Es ist, als würde man behaupten – so wie es viele History-Dokus tun – der gescheiterte Postkartenmaler aus Österreich sei mit üblen Tricks an die Macht gekommen und hätte das brave deutsche Volk zum Untertan gemacht. Jede Analyse, die Macht auf «gemacht» zurückführt, konstruiert Leerlauf.

Macht setzt sich aus Institutionen, Akteuren und politischen Prozessen, aus Ideologie, Kultur, Wirtschaft, Umfragen, Datengläubigkeit und Wissenschaft zusammen. Alle diese Punkte gemeinsam konstituieren Macht.

Im «Spiegel», im Blog des WDR und im Blog von Jens Scholz werden erhebliche und gut begründete Zweifel an der Big-Data-Verschwörungstheorie geäussert. Das einleuchtendste Gegenargument gegen die Big-Data-Geschichte ist übrigens, dass hier eine Datenfirma perfekte Eigenwerbung machen kann. Welcher Politiker wird in Zukunft nicht die Dienste der Wahlerfolgsmaschine in Anspruch nehmen wollen und dafür dicke bezahlen?

Ich lass die Jungs mal weiterdiskutieren und heb diesen Artikel – einmal mehr – fürs Archiv und für meinen Status als verkannte Prophetin in 100 Jahren auf. Ich hasse es, mich ständig zu wiederholen, doch hier nochmals: Weder Gene, Attraktivität noch ein gutes Data-Tool mit Targetingtechniken bestimmen eine Wahl oder eine Abstimmung. Wer nix davon hat, gewinnt auch nicht.

Um Erfolg zu haben, braucht es mehr: Meist die Mittäterschaft der Medienschaffenden und Umfrageinstitute (Ratingagenturen), die Narrative festigen, die sich dann als selbsterfüllende Prophezeiungen bewahrheiten. Wie wäre es, die Medienschaffenden daran zu erinnern, dass der Erfolg der SVP noch ohne Big Data und soziale Medien in den 90er- Jahren stattfand?

Wahlen und Abstimmungen gewinnt, wer die gängigen Narrative für sich instrumentalisiert. So konnten unsere Grossmütter die Korsetts, die sie tragen mussten, aufschneiden und wegschmeissen, jetzt haben sie diese via Schönheitsideologie schon längst im Stammhirn abgespeichert, respektive Big Data preisgegeben. Höchste Zeit, mal die Diskurse zu diskutieren statt zu vermessen.