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Mittwoch
18.11.2020

Vermarktung

Langweilig wurde AdUnit-CEO Andi Hess während dem Lockdown nicht: «Eigentlich haben wir dasselbe gemacht wie viele Schweizer im Keller und Estrich: Ausgemistet und aufgeräumt.»

Die AdUnit AG ist seit 2016 am Markt. Als unternehmerische Idee von Andi Hess und Marc-Olivier Pittner an die Swisscom herangetragen, arbeitet die Firma vor allem mit einer Programmatic-Advertising-Plattform für Verleger und Agenturen.

Der Klein Report hat sich mit CEO Andi Hess, Ex-Digital-Chef der Publicitas, darüber unterhalten, wie AdUnit den Lockdown genutzt hat, um digital auszumisten, weshalb die Verleger in Österreich einem geringeren Preisdruck ausgesetzt sind und welche Spätfolgen die Pandemie uns bescheren könnte.

Wie ist die Nachfrage nach automatisierten Marketinglösungen für Agenturen bei AdUnit?
Andi Hess
: «Das Interesse ist enorm gross. Viele Agenturen können auf diesem Weg ihr Angebotsportfolio ausbauen und bekommen Zugang zu neuen Umsatzströmen. Die Konsolidierung aller Schritte – Booking, Creatives, Adserving und Reporting – in einem einzigen Tool, bringt ihnen Tempo und Effizienz. Und die Möglichkeit für Selfservice ist in Corona-Zeiten natürlich ein vermehrtes Bedürfnis unserer Kunden.»

Spüren Sie die Pandemie etwa nicht?
Hess
: «Doch, aufgrund von Corona leidet der gesamte Markt der kleinen und mittelgrossen Agenturen stark. Das spüren auch wir, in diesem Segment stagnieren unsere Umsätze aktuell.»

Einige Kunden kommen auch aus Österreich, wie die «Kleine Zeitung» oder die «Salzburger Nachrichten». Was macht AdUnit für diese Firmen, und wie muss man sich den Prozess auf Kunden - und auf Ihrer Seite vorstellen?
Hess
: «In Österreich erleben wir bei den Publishern eine starke Nachfrage. Diese Kunden nutzen unsere Lösung direkt im regionalen Vertrieb. Die Sales-Mitarbeitenden bieten ihren Kunden über unser Tool das eigene Inventar in Kombination mit Reach-Extension via Open Market an. So können die Umsätze mit dem bestehenden Kundenstamm in kurzer Zeit ausgebaut werden. Dank der Automatisierung des gesamten Prozesses kann der Auftrag direkt beim Kunden mit wenigen Klicks erfasst und abgeschlossen werden. Im Hintergrund passiert dann alles vollautomatisiert; ein Teil der Buchung wird via Schnittstelle an den Adserver des Publishers übergeben, der Rest zu den passenden DSPs. Somit kann der Auftrag sehr schnell live sein.»

Wie sieht die Kundenstruktur in der Schweiz aus, und was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zu den österreichischen Verlegern?
Hess
: «In Österreich existieren starke und innovative regionale Verleger, die jeweils ein oder mehrere Bundesländer einigermassen exklusiv bedienen. Der Konkurrenzdruck ist in den Regionen somit überschaubar und die Preise relativ stabil. Für uns sind das optimale Voraussetzungen für ein zügiges Wachstum.»

Und wie ist die Situation aus Ihrer Sicht in der Schweiz?
Andi Hess
: «In der Schweiz ist das Bild der Verlegerlandschaft komplett anders: Es gibt wenige dominante Verlagshäuser und viele Kleinst- oder Nischenanbieter. Im letzteren Segment haben wir rund ein Dutzend Kunden. Ein Wachstum auch mit den grösseren Verlegern hierzulande wollen wir über die kommenden Monate aufbauen. Zudem fahren wir aktuell auch einen Markttest im deutschen Markt.»

AdUnit beschäftigt 15 Mitarbeitende. Wie viele Personen waren seit März in Kurzarbeit?
Hess
: «Wir waren zu keinem Zeitpunkt in Kurzarbeit. Klar hat auch uns die erste Welle im Frühling ziemlich unvermittelt und hart getroffen, wie die gesamte Kommunikationsbranche. Langweilig wurde uns jedoch nicht, wir haben die Lockdown-Phase genutzt, um unsere Tools einem kompletten Re-Factoring zu unterziehen.»

... einem was? 
Hess
: «Einem Re-Factoring. Kurz: Wir haben das Tool über weite Strecken neu aufgesetzt und die Angebotspalette der Kundenstruktur angepasst. Eigentlich haben wir dasselbe gemacht wie viele Schweizer im Keller und Estrich: Ausgemistet und aufgeräumt.»

Wie schauen sie dem Corona-Winter entgegen?
Hess
: «Die zweite Welle spüren wir zum Glück noch nicht. Wir haben mehrere grosse Kunden- und Publisher-Projekte per Januar 2021 in der Mache. Und im Falle einer Verschärfung der Lage genügend Engineering-Projekte in der Pipeline, um auch bei tieferer Auslastung im Tagesgeschäft sinnvoll und wertschöpfend zu arbeiten.»

Welche Entscheidungen wurden in der Lockdown-Phase getroffen?
Andi Hess: «Die gestiegene Nachfrage nach Publisher- und SaaS-Lösungen hat einen direkten Einfluss auf die strategische Ausrichtung. Wir werden diese Kundensegmente stärker ausbauen, als noch Anfang Jahr vorgesehen. Und auch die Gewichtung des europäischen Marktes wird zunehmen.»

Sie sind CEO der AdUnit AG. Als Unternehmer haben Sie vor ein paar Jahren die Instanz AG an die Publigroupe verkauft. Wie ging es bei Ihnen danach beruflich weiter, und wie haben Sie sich neu orientiert?
Hess
: «Nach dem Verkauf und der Earn-Out-Phase habe ich mich als Berater in Berlin und Zürich engagiert. Und ehrlich gesagt, auch einfach mal das Leben genossen; mit langen Reisen in Asien und Amerika. Eine grossartige Zeit, aber irgendwann fehlt auch etwas. Somit habe ich das Angebot der Publicitas – ich war dazumals in Kalifornien – die Leitung des Digitalen Bereiches zu übernehmen, sofort angenommen. Nach ein paar Jahren kam der Austritt bei der P. Und da reifte der Gedanke für ein Programmatic-Angebot für alle. Und so schliesst sich der Kreis zur AdUnit, da sind wir heute.»

Im Moment schreit alles nach Onlinemitarbeitenden, die neue Systeme aufsetzen, die verkaufen oder ganz generell digital arbeiten können. Wie schätzen Sie als Unternehmer die Situation auf dem Schweizer Arbeitsmarkt ein?
Hess
: «Ich befürchte, dass nicht wenige Angestellte in der Schweiz aktuell im Homeoffice sitzen und das weniger an Kontrolle und mehr an Freiheit in falscher Sicherheit geniessen. Denn, was heute passiert ist auch: Die Arbeitgeber und deren Kader wenden viel Zeit und Ressourcen auf, um reibungslose Prozesse und Abläufe in einem Remote-Betrieb sicherzustellen. Gut möglich, dass irgendwann die Erkenntnis reift, dass Remote nicht nur in Liestal funktioniert. Sondern auch in Ljubljana. Zu einem Bruchteil der Kosten, ohne soziale Verpflichtungen, Kündigungsfristen und sonstige Regulationen. Denkbar, dass wir uns auch diesen Spätfolgen der Pandemie stellen werden müssen.»

Und was gilt es zu tun?
Hess
: «Mein Gott, wer weiss das schon. Die Frage stellt sich wohl jeder, der Businesspläne für die nächsten Jahre erstellen muss. Zentral ist aus meiner Sicht die Erkenntnis, dass man die Zukunft nur schwer planen kann. Aber man kann die Unternehmung agil aufstellen, damit sie gut und schnell auf eine Veränderung der Marktsituation reagieren kann. Und dafür sind wir in der Schweiz bestens gerüstet.»