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Dienstag
27.04.2010

Im Dreivierteltakt zwischen Innovation, Selbstbeweihräucherung und Schulterklopfen tanzt die Crème de la Crème der europäischen Verleger und Chefredaktoren dieser Tage in Wien. Hier treffen sich die Medienprofis von Sonntag bis Dienstag zu ihrem alljährlichen Stelldichein am European Newspaper Congress. Dabei gibt sich die Medienszene prunkvoll und grosszügig: In keinem geringerem Gebäude als dem altehrwürdigen Wiener Rathaus am Friedrich-Schmidt-Platz präsentieren Chefredaktoren und Verleger ihre Rezepte und orakeln über die Zukunft der Journalismusgilde. Der Klein Report ist vor Ort und pickte sich die Perlen aus der Fülle von Referaten und Events heraus.

Für Furore sorgte am Montag die portugiesische Zeitung «i informação». Dabei präsentierten Herausgeber Martim Avillez und Art-Director Nick Mrozowski in einem rasanten Vortrag die Kraft der neuen Ideen: Alternative journalistische Stilformen, neue Sektionen, ein randloses Layout, das am Internet orientiert ist, sind die Eckwerte der noch jungen Erfolgsgeschichte aus Südeuropa. «Wir haben ein kleines, aber grossartiges Team», verrät Martim Avillez das Erfolgsrezept, «und wenn man nicht viel Geld ausgibt, muss man auch nicht so viel einnehmen», so Avillez zum Businessplan der Zeitung, die vor einem Jahr lanciert wurde.

Das wichtigste sei ohnehin, dass die Journalisten selber begeistert seien und ihre Zeitung liebten. «Und das tun sie», beteuerte der Herausgeber von «i informação», der sich nicht zu schade war, bereits drei Monate nach Lancierung der Zeitung im Mai 2009 das Blattkonzept leicht anzupassen. Selbstverständlich müssten aber auch sie ums Überleben kämpfen. Noch seien die Zahlen nicht dort, wo sie dereinst sein sollten. «Unsere Leser haben zuerst lernen müssen, wie man dieses neuartige Zeitungsformat liest», räumt Avillez ein. Die Redaktion hat eigens dafür ein kleines Manual veröffentlicht.

«Wir wollen alles wegwerfen, was in herkömmlichen Zeitungen nicht funktioniert, und eine neue Zeitung bauen», doppelte Nick Mrozowski, Art-Director von «i informação», nach. Tageszeitungen sind üblicherweise nach Ressorts aufgeteilt. Die Portugiesen aber haben ein anderes System: Zuerst bringen sie einen knackigen Nachrichtenüberblick, genannt Radar. Hier landen die wichtigsten Meldungen des Tages, kurz erzählt zur schnellen Orientierung. Danach startet die zweite grosse Sektion: Zoom. Die Texte werden länger, die Artikel bringen mehr Hintergrund.

In «i informação» werden keine herkömmlichen Pressekonferenzfotos abgedruckt, bei denen Menschen am Podium sitzen. Um solche Szenen anders zu erzählen, schickt das Blatt mitunter Illustratoren zu wichtigen Veranstaltungen. Sie sollen die Atmosphäre einfangen und auf ihre Weise darstellen. Spannend ist auch die Website http://www.ionline.pt mit einem modernen Erscheinungsbild und Social Media-Diensten wie Facebook und Twitter.
«i informação» hat eine Auflage von 30 000 Exemplaren und wird im Tabloidformat gedruckt. Die Zeitung beschäftigt 41 Redaktoren, 2 Fotografen und 5 Layouter.