Ein Artikel über die Baustellensituation im zürcherischen Stäfa wird zum politischen Brandbeschleuniger – und rückt ein junges Onlineportal ins Zentrum einer grundsätzlichen Debatte über Transparenz, Rollenvermischung und die Zukunft der Lokalmedien.
Ausgangspunkt ist ein kritischer Artikel des Onlineportals «Lokal.News» über die Baustellenkoordination im Stäfner Ortsteil Ürikon.
Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, sorgt der Beitrag mitten im Wahlkampf um das Gemeindepräsidium von Stäfa für erhebliche Irritationen.
Im Rennen um das Präsidium stehen drei Kandidierende: Markus Meier Joos von der FDP, Christoph Portmann (SP) und Claudia Hollenstein (GLP).
Im Zentrum der Kritik von «Lokal.News» steht ausgerechnet Hollenstein, amtierende Tiefbauvorsteherin. Der Artikel wirft ihr mangelnde Koordination bei mehreren Baustellen vor – und stellt damit auch ein zentrales Wahlkampfnarrativ der GLP-Kandidatin infrage: ihre Fähigkeit zur Vernetzung und Zusammenarbeit.
Brisant ist weniger die Kritik an sich als vielmehr die journalistische Umsetzung. Hollenstein kommt im Beitrag nicht zu Wort. Für GLP-Vorstandsmitglied Thomas Rilke ist dies ein Affront – und ein Anlass, die Unabhängigkeit des Portals grundsätzlich zu hinterfragen.
Denn Herausgeber, Autor und Programmierer von «Lokal.News» ist Thomas Brändle – und dieser ist zugleich Vizepräsident der FDP im Bezirk Meilen. Eine Konstellation, die Fragen aufwirft.
Rilke kritisiert, Brändles politische Funktion sei auf der Website nicht genügend prominent offengelegt. Für die Leserschaft sei die nötige Transparenz nicht gegeben.
Brändle weist auf Anfrage des Klein Reports am Freitag diese Vorwürfe dezidiert zurück, räumt jedoch eine Versäumnis ein: «Es war ein Fehler, dass ich Claudia Hollenstein nicht vor der Publikation des Artikels habe zu Wort habe kommen lassen. Das habe ich aus dieser Geschichte gelernt.»
Er habe Hollenstein gleich nach Erscheinen des Artikels darüber orientiert und ihr angeboten, eine Gegendarstellung von der GLP Webseite zu übernehmen, ein Interview mit ihr zu führen oder ein Eingesandt zu publizieren, «um ihre Sicht der Dinge darzulegen».
Grundsätzlich verteidigt Thomas Brändle seine Doppelrolle gegenüber dem Klein Report offensiv: «Ich habe die Karten von Beginn weg offen auf den Tisch gelegt. Und auch in unserem Portal herrscht absolute Transparenz. Ausserdem behandeln wir alle Parteien gleich, was jeder nachvollziehen kann, wenn er sich die Artikel anschaut. Heute ist z.B. ein Leserbrief des GLP-Präsidenten mit dem Titel 'FDP-Dominanz in Stäfa bremsen' erschienen.»
Die politische Funktion sei unter «Über uns» klar deklariert, die Ortsparteien seien von Beginn weg informiert worden.
Zudem verweist Brändle auf ein automatisiertes System (mit künstlicher Intelligenz), das Inhalte von Parteiseiten (und anderen Quellen) in sein Redaktions-System einspeise, von wo er die Artikel manuell weiter bearbeitet. Wer online aktiver sei, erscheine tendenziell entsprechend häufiger – unabhängig von der Parteifarbe.
Über den konkreten Fall hinaus sieht Thomas Brändle sein Portal als Antwort auf einen strukturellen Medienwandel: «Da die Zeitungen ihre Lokalberichterstattung immer mehr zurückfahren, braucht es lokale Medien – egal, ob online oder im Print.»
Der Fall Stäfa zeigt für den Klein Report exemplarisch, wie schmal der Grat für neue lokale Medienangebote ist: zwischen publizistischem Engagement, politischer Nähe und dem Anspruch auf journalistische Glaubwürdigkeit.
Gerade im Wahlkampf kann jede Unschärfe zur Hypothek werden.
Ob der angekündigte zweite Artikel die Wogen glättet, bleibt offen. Klar ist: Die Diskussion um «Lokal.News» ist weniger ein lokaler Streitfall als ein Lehrstück über Transparenz, Verantwortung – sowie die Fallstricke neuer Lokalmedien in der Kommunalpolitik.




