Im Museum für Gestaltung Zürich lag Montagabend eine Mischung aus Stolz, Selbstironie und leiser Melancholie in der Luft.
Etwa 250 Medienschaffende, Freunde und Familien feiern sich bei den «Journalisten des Jahres» – eine Branche im Dauerzustand zwischen Applaus und Existenzfrage.
Der Hauptpreis ging an Christof Franzen. Kein Lautsprecher, kein Selbstdarsteller. Einer, der zuhört – was im Journalismus längst zur seltenen Disziplin geworden ist. «Franzen lässt Menschen erzählen – auch dort, wo Misstrauen herrscht und Worte vorsichtig gewählt werden», sagte Moderator und Chefredaktor des «Schweizer Journalist:in» Marcus Hebein auf der Bühne.
Später fügte Hebein im Gespräch mit dem Klein Report an: «Bei aller Ernsthaftigkeit ist es nicht verboten, unseren Beruf auch einmal zu feiern.» Ernste Themen würden derzeit ohnehin nicht ausgehen. «Und dass der Moderator alles in vertretbarer Zeit über die Bühne gebracht hat, darf durchaus als kleiner Erfolg verbucht werden.»
Dass einer der wichtigsten Schweizer Journalistenpreise von einem österreichischen Verlag, dem Oberauer-Verlag in Salzburg, vergeben wird, sei nebenbei erwähnt.
Nicht nur zum Lachen war Preisträger Franzen. Der langjährige SRF-Russland-Korrespondent zeichnet ein düsteres Bild von der Entwicklung im Angriffskrieg auf die Ukraine: «Ich habe keine Hoffnung, dass es bald besser wird.»
Und doch bleibt es seine Aufgabe, den Ungehörten eine Stimme zu geben – auch wenn das Publikum immer kleiner wird. Auf eine Frage von Marcus Hebei bezüglich eines Plan B für den Journalismus sagte Franzen im Schalk: «Skilehrer auf der Bettmeralp.»
Neben Franzen wurde wie bereits bekannt, das «Echo der Zeit» als Redaktion des Jahres ausgezeichnet. Reza Rafi wird Chefredaktor des Jahres – und hebt gut gelaunt das Bierglas, als wäre die Medienkrise für einen Abend vertagt.
Weitere Preise gehen an Larissa Rhyn (Politik), Philipp Loser (Kolumne), Adrienne Fichter (Reportage), Lucia Theiler (Wirtschaft), Rafaela Roth (Gesellschaft), Fabian Eberhard (Recherche), Nora Zukker (Kultur), Liliane Minor (Lokal), Seraina Degen (Sport), Aylin Erol (Newcomer), Dominik Meier (Audio) und Dominik Nahr (Foto).
Auch Susanne Lebrument stand im Rampenlicht. Sie wurde als Medienmanagerin des Jahres geehrt und sagte danach zum Klein Report: «Diese Auszeichnung ist für das ganze Unternehmen – für die gesamte Redaktion und für Chefredaktor Joachim Braun.»
Zwischen den Auszeichnungen wurde Klartext gesprochen. Martin Stoll, Geschäftsführer von Öffentlichkeitsgesetz.ch, dem Forum für Transparenz in der Verwaltung, erinnerte gegenüber dem Klein Report daran, dass Journalismus mehr sei als Preisverleihung und Applaus. Öffentlichkeitsgesetz.ch habe den Zugang zu den Geschäftsverwaltungssystemen der Verwaltung systematisch erschlossen. Dadurch liessen sich gezielte Zugangsgesuche zu dort erfassten Dokumenten stellen.
Und dann wird Stoll konkret: «Im Zusammenhang mit der Notfusion von Credit Suisse und UBS haben wir ein solches Gesuch gestellt. Das Generalsekretariat des Eidgenössischen Finanzdepartements verweigert jedoch den Zugang zu den Dokumentenlisten. Dagegen führen wir nun Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.»
Dabei gehe es um Grundsätzliches. Martin Stoll: «Wird der Zugang zu solchen Dokumentenlisten verwehrt, werden zentrale Recherchemöglichkeiten blockiert.»
Investigative Arbeiten wie die Palantir-Recherche der Republik und des Recherchekollektivs WAV wären ohne solche Zugänge kaum mehr möglich – oder würden gar nicht erst begonnen.
Und doch: Nicht alle Strömungen des Journalismus haben an diesem Abend Rückenwind. Vertreter eines wertkonservativen Ansatzes bleiben Randfiguren – selbst Rico Bandle, Feuilleton-Chef der «Neuen Zürcher Zeitung», geht leer aus - als einer der wenigen im Saal. Eine kleine Szene, die mehr erzählt als manche Laudatio.
Abseits der Bühne zeigt sich die Branche, wie sie ist: Keystone-Fotograf Walter Bieri setzte die Gewinnerinnen und Gewinner ins beste Licht, Verleger Johann Oberauer übernahm den Türservice.
Andrea Bleicher erschien in roten Trainerhosen und nahm ebenfalls gut gelaunt ein Diplom entgegen.
Unter vielen Gästen waren unter anderen auch Ringier-Legende Fibo Deutsch oder David Karasek – letzterer profitiert bei seiner Auszeichnung, wie man hört, auch vom Gewicht seines Arbeitgebers (SRF), das mit Abstand die meisten stimmberechtigten Medienvertreter stellt.
Ein Abend zwischen Glanz und Grundsatzfragen. Und mittendrin die leise Erkenntnis: Der Journalismus feiert sich selbst – und ringt gleichzeitig um seine Zukunft. Vielleicht ist genau das sein ehrlichster Zustand.




