«Tsüri» oder «On Fire»: Zuerst schnorren, dann wenig bis nichts liefern. Jüngste Beispiele schaden der hiesigen Medienszene. Glaubwürdigkeit droht zu erodieren.
Betteln für den Journalismus hat eine lange Tradition. Bereits vor über 100 Jahren warnten deutsche Verleger vor dem «Tod der Nachrichten» und baten ihre Leserschaft, alte Akten oder Lumpen auf der Redaktion abzugeben, um die hohen Papierkosten während der Hyperinflation zu bekämpfen.
Heute geht es nicht mehr um Papier, sondern mindestens um den Erhalt der Demokratie. Neu ist auch, dass die Medienschaffenden nicht mehr das einhalten, worum es in ihren Kampagnen und Geldsammelaktionen ging.
Zwei junge Journalistinnen sammelten letztes Jahr erfolgreich über 50'000 Franken. «Hotten Journalismus» wollten sie mit ihrem Medium «On Fire» erzeugen. Einmal pro Woche soll ein Newspodcast junge Leute für Nachrichten begeistern. Über 600 Menschen fanden die Idee gut und zahlten auf der Plattform Wemakeit ein. Das war im Juni 2025.
Passiert ist seitdem nichts. Ob noch was kommt, wollte der Klein Report bei den Initiantinnen in Erfahrung bringen. Eine Antwort gab es nicht. Vielleicht braucht es für eine Erklärung ebenfalls ein Crowdfunding.
Erfolgreich war auch das Zürcher Online-Magazin «Tsüri». Die Gruppe um Simon Jacoby sammelte ebenfalls über 50'000 Franken ein. Mit dem Geld soll ein «Watchdog» installiert werden, der wiederum die Wirkung «von jedem neuen Gesetz und jeder neuen Massnahme zeigt».
Ihren Spendern versprach «Tsüri» nicht wenig: Recherchen, Porträts, Hintergrundartikel und ein monatliches Klima-Briefing. Herausgekommen ist wenig: Jeweils 4 Kurzartikel und Klimabriefings. Eine klägliche Leistung für 50'000 Franken. Das «Tsüri»-Team wollte die Fragen des Klein Reports nicht beantworten. Zum Beispiel, warum das monatliche Briefing so schnell wieder eingestellt wurde.
«Tsüri» ist mehrfacher Schweizer Meister im Schnorren. Für ihren «Watchdog» bekamen sie auch Geld von der Stiftung myclimate. Wie viel, wollen weder «Tsüri» noch myclimate gegenüber dem Klein Report offenlegen.
Der finanzielle Erfolg sei dem Online Stadtmagazin und dem hotten Medium in spe gegönnt. Auf lange Sicht schaden sie aber dem Journalismus. Wer soll den vielen Versprechungen inskünftig noch glauben, wenn wiederholt den Worten keine Taten folgen?
Einen anderen Ansatz wählte das Onlinemagazin Flimmer-Media. Es schrieb einen Artikel und sammelte erst hinterher über 15'000 Franken ein.
Im etwas unübersichtlichen Text listen die Journalisten 352 Einzelfälle zwischen 1967 und 2025 auf, die zeigen sollen, «wie extrem die SVP wirklich ist». Dank ihrer Internetrecherche kennt man nun das «wahre Gesicht der SVP».
In der Mitte zwischen Ankündigungstrara und Scheckbuch befindet sich das «Journal B». Seit 14 Jahren berichten die Journalistinnen und Journalisten aus der Bundesstadt.
Wichtige Geldquellen seien weggefallen, schreibt das Magazin «Journal B» auf Wemakeit. Wer die sind, wird nicht verraten. Nun gehen auch sie auf Betteltour. Von den erhofften 50'000 Franken haben sie bereits mehr als die Hälfte eingesammelt.
So sieht bei manchen der Schweizer Journalismus im Jahr 2026 also aus: Betteln, Jammern und Wegrennen mit der Beute.




