Es war eine kunterbunte Gesprächsrunde zusammen, die am Dienstagabend im «Club» des Schweizer Fernsehens den überraschenden Rücktritt von Bundesrat Moritz Leuenberger zu kommentieren und analysieren versuchte. Auf der einen Seite platzierten sich die Kritiker des Zürcher SP-Bundesrates wie die alt Bundesrätin Elisabeth Kopp, der stellvertretende Chefredaktor der «Weltwoche», Markus Somm, Medienunternehmer Roger Schawinski und auf der andern diejenigen, welche als politische Akteure und Beobachter mit Leuenberger zu tun hatten wie die frühere CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl, der frühere SP-Präsident Helmut Hubacher und der SF-Bundeshauskorrespondent Hanspeter Forster. Während erstere Talker sich in Selbstdarstellung übten und Leuenbergers Engagement meist negativ abtaten, waren letztere Gesprächsteilnehmer um eine ausgewogene Würdigung des Magistraten bemüht, ohne ihn einfach in den Himmel zu loben.
Im Zentrum der «Club»-Diskussion ging es um die Frage der Verdienste und der Misserfolge des scheidenden Bundesrates und um den Hang Leuenbergers zur Selbstinszenierung. Ironischerweise waren es dann Elisabeth Kopp und Roger Schawinski, die sich in Selbstbeweihräucherung und -inszenierung hervortaten. Für Kopp war klar, Leuenberger hätte gar nie gewählt werden dürfen. Er habe als Präsident der parlamentarischen Untersuchungskommission zu ihrer Amtsführung sämtliche Telefonlinien, auch die privaten ihrer Familie, abgehört. Ihr sei jegliche Auskunft verweigert worden, weshalb Leuenberger so handelte. Später sei die Schweiz in Strassburg (F) wegen illegaler Telefonabhörung verurteilt worden, so Kopp.
Den Fichen-Skandal habe Leuenberger danach als Ablenkungsmanöver inszeniert, nachdem er an ihrer Amtsführung nichts habe aussetzen können, meinte Elisabeth Kopp in der persönlichen Abrechnung mit dem scheidenden Bundesrat. Helmut Hubacher nahm Moritz Leuenberger erneut in Schutz. «Die eigenen Parteileute haben Sie erledigt und fallen gelassen, nicht Moritz Leuenberger», entgegnete Hubacher an die Adresse von Elisabeth Kopp. «Es war höchste Zeit, dass der Fichen-Skandal ans Licht gekommen ist», argumentierte Helmut Hubacher weiter.
Und der Showmaster Schawinski zog ebenfalls vom Leder: «Es ging ihm um die Show, er wollte im Zentrum stehen», sagte der Medienunternehmer in einer ersten Einschätzung. Leuenberger habe ein Feuerwerk zünden wollen. Und Roger Schawinski kam nicht umhin zu erklären, er sei ja bei der Wahl von Leuenberger als Bundesrat in Bern dabei gewesen und da habe ihm der frischgewählte Bundesrat gestanden, er (Schawinski) habe ihn auf dem Weg ins Bundeshaus unterstützt. Alle seien erfreut gewesen, dass es ein 68er zum Bundesrat geschafft habe. Irgendwann kam dann Roger Schawinski nicht umhin, sein kurzes Engagement als Sat.1-Direktor ins Spiel zu bringen, um die Selbstinszenierungstendenzen von Leuenberger zu brandmarken.
Markus Somm präsentierte sich ganz als «His Masters Voice» von Roger Köppel und argumentierte wie dieser sehr spitzfindig und wusste alles etwas besser, was sich hinter den Kulissen dieses Rücktritts abgespielt hat. Es sei schlecht, dass er jetzt zurückgetreten sei. Es sei eine Unart bei den Bundesräten, dass sie dann gehen, wenn es ihnen am besten passe. Dass Leuenberger noch die Neat eröffnen und Ende Jahr bei der Klimakonferenz in Mexiko anwesend sein wolle, habe nur mit seinem eigenen Interesse zu tun. «Als könnte die Klimakonferenz nicht ohne die wertvollen Beiträge des Schweizer Umweltministers durchgeführt werden», mokierte sich Somm. «Es handelt sich um eine Art von Hybris, die schwer erträglich ist.»
«Ich musste lachen, wie ich oft lachen muss über das, was er sagt», argumentierte Rosmarie Zapfl, alt Nationalrätin der CVP. Sie lache darüber, dass er es fertigbringe, mit seiner Art immer wieder so viele Leute zu erschrecken. «Eine typische Leuenberger-Inszenierung», meinte Hanspeter Forster, Redaktor Bundeshaus SF, zur Art und Weise des Rücktritts. «Der Zeitpunkt des Rücktritts ist nicht auf seinem Mist gewachsen», setzte er fort. Leuenberger selber hätte die Legislatur beendet, habe jedoch den Druck der Partei gespürt, so Forster.
Donnerstag
15.07.2010




