Der Tech-Journalist Reto Vogt engagiert sich neu im Vorstand von AlgorithmWatch CH.
Der Klein Report sprach mit dem Programmleiter an der Luzerner Journalistenschmiede MAZ über den Zugang zu Daten, über die Blackbox der Tech-Konzerne und die schleichende Verschiebung politischer Meinungsbildung durch Künstliche Intelligenz.
Sie sind neu im Vorstand von AlgorithmWatch CH. Was hat Sie persönlich motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?
Reto Vogt: «Ich schreibe als Journalist seit Jahren über Technologie und die Auswirkungen von Algorithmen und KI auf Demokratie und Gesellschaft. Transparenz und Aufklärung bei Themen wie diesen sind mir wichtig, deshalb freue ich mich darauf, AlgorithmWatch in meiner neuen Rolle dabei zu unterstützen. Die Fragen, die AlgorithmWatch stellt – wer kontrolliert algorithmische Systeme, wer trägt Verantwortung, wer hat Zugang zu den Daten – sind zu wichtig, um sie nur journalistisch zu begleiten. Meine Rollen am MAZ, als freier Journalist und neu jene im Vorstand von AlgorithmWatch sind verschieden, aber durchaus komplementär.»
Was reizt Sie besonders an der Arbeit an der Schnittstelle von Journalismus, Technologie und Gesellschaft?
Vogt: «Tech-Journalismus ist ein hochrelevantes Themengebiet, quasi das politischste aller Ressorts. Dies, weil es nur Vordergründig um Technologie geht. Eigentlich gehts um Geld, Macht und Politik. Das versuchen wir auch unseren jungen Journalist:innen am MAZ beizubringen und haben dieses Jahr im Diplomstudiengang erstmals die Fächer KI-Sprachmodelle und Big Tech unterrichtet.»
AlgorithmWatch CH spricht in seiner Vision von einer «gerechten, demokratischen, inklusiven und nachhaltigen Gesellschaft». Was bedeutet das konkret für Sie?
Vogt: «Für mich ist eine ‚gerechte, demokratische, inklusive und nachhaltige Gesellschaft‘ nur dann möglich, wenn bei KI und Algorithmen Transparenz herrscht und die grossen, mächtigen Anbieter ihre Blackboxes endlich öffnen. Ohne Einblick in algorithmische Entscheidungen gibt es keine echte Demokratie...»
Und was heisst für Sie «Inklusiv»?
Reto Vogt: «Algorithmen dürfen bestehende Ungleichheiten nicht verstärken, was sie im Moment oft tun, etwa bei automatisierten Entscheiden in Behörden oder beim Zugang zu Krediten. Und ‚Nachhaltig‘ bedeutet: Wir müssen heute Weichen stellen, damit KI-Systeme nicht in zehn Jahren demokratische Strukturen unterhöhlt haben, die wir dann nicht mehr zurückgewinnen können.»
Wo sehen Sie aktuell die grössten Risiken durch Algorithmen und KI?
Vogt: «Das Risiko, das mich am meisten beschäftigt, ist die schleichende Verschiebung politischer Meinungsbildung durch Empfehlungsalgorithmen und KI-Systeme. Daneben sehe ich ein zweites, unterschätztes Risiko: die Konzentration kritischer Infrastruktur. Eine Handvoll amerikanische Konzerne kontrollieren Sprachmodelle, Suchmaschinen und die Cloud. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein demokratisches Problem.»
Sie sind Programmleiter und Chief Product Officer am MAZ Institut für Journalismus und Kommunikation. Wie beeinflusst diese Rolle Ihre Arbeit im Vorstand?
Vogt: «Formal sind die Rollen getrennt, das Engagement bei AlgorithmWatch ist ehrenamtlich. Aber inhaltlich ergänzen sie sich stark. Am MAZ bilde ich Journalist:innen und Kommunikationsfachleute aus, die täglich mit KI-Systemen arbeiten, manchmal ohne zu verstehen, wie diese Systeme ihre Arbeit und ihre Wahrnehmung formen. Dieses Wissen aus der Praxis bringe ich in den Vorstand. Umgekehrt profitiert die Lehre davon, wenn ich näher an der Forschung und den Debatten bei AlgorithmWatch bin. Die Frage, wie algorithmische Systeme Öffentlichkeit herstellen oder verhindern, ist sowohl für die Ausbildung als auch für die Zivilgesellschaft zentral.»
Wird sich das Ausbildungsangebot am MAZ unter Ihrer Leitung stärker in Richtung KI und Datenkompetenz entwickeln?
Vogt: «Das hat es schon. Seit Oktober 2024 bin ich Studienleiter Digitale Medien und KI am MAZ, und KI-Themen fliessen wie erwähnt inzwischen in die journalistische Grundausbildung ein. Daneben unterrichte ich selbst mehrmals monatlich in Medienhäusern und Unternehmen zum Thema. Was mich dabei am meisten motiviert: Ich sehe, wie Journalist:innen und Kommunikationsfachleute nach unseren Kursen konkret einschätzen können, wie ein Empfehlungsalgorithmus funktioniert, wo ein Sprachmodell halluziniert und was das für ihre Berichterstattung bedeutet. Diese Sensibilität und Awareness braucht die ganze Gesellschaft von Jung bis Alt unbedingt.»



