Es gehört zu den schönsten Traditionen des Journalismus, dass Prognosen ungefähr so haltbar sind wie Wettervorhersagen im April oder Börsenprognosen während einer Pandemie. Und manchmal sogar kürzer.
Am 2. April trat Kurt W. Zimmermann in der «Weltwoche» aus der journalistischen Deckung. Während sich – wie er schrieb – die «Medien-Lemminge» bereits Richtung Abgrund bewegten, blieb er standhaft. Viktor Orbán werde in Ungarn die Wahl gewinnen. Punkt.
Kolumnist Zimmermann argumentierte mit Erfahrung, Provinz, Direktwahlkreisen – und mit einem beliebten publizistischen Stilmittel: der Einsamkeit. Wichtigste Inspirationsquelle: Seine ungarische Ehefrau. «Als einziger Journalist in Westeuropa sage ich, dass Ungarns Premier die Wahl gewinnt. Denn als einziger Journalist in Westeuropa kann ich rechnen.»
Ein kühner Satz. Ein Satz mit eingebautem Haltbarkeitsdatum – wie ein Joghurt in der Migros. Denn am 12. April 2026 kam es anders. Und zwar nicht ein bisschen anders. Sondern spektakulär anders.
Die Opposition um Péter Magyar gewann – nach aktuellem Stand – 138 Sitze. Viktor Orbáns Fidesz-Partei kam auf 55.
Das nennt man keinen Trend. Das nennt man keinen knappen Entscheid. Das nennt der Klein Report einen politischen Erdrutsch.
Orbán räumte die Niederlage ein und rief zum Durchhalten auf: «Wir geben nicht auf, nie, nie.»
Und in Budapest meldete sich «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel per «Servus»-Mikrofon und Digitalkamera live: «Riesenjubel in Budapest: Brutale Niederlage für Orbán, Erdrutschsieg des Herausforderers Magyar, Ungarns Demokratie intakt.»
So schnell kann sich die publizistische Grosswetterlage drehen.
Zimmermann hatte in seinem Text noch gewarnt, die Medien würden Wunschdenken betreiben. Orbán sei gegen Migration, gegen Benzinerverbot, gegen Genderpolitik, gegen EU-Zentralismus – deshalb wollten Journalisten ihn verlieren sehen.
Nur: Diesmal rannte nicht der Medienmainstream über die Klippe. Sondern der einsame Gegenläufer stolperte über seine eigene Rechenkunst – wie der Geisterfahrer, der alle anderen für Geisterfahrer hält.
Das ist kein Drama. Im Journalismus gehört das danebenliegen zum Berufsrisiko wie der Espresso zum Redaktionsalltag. Prognosen sind keine Naturgesetze. Sie sind Momentaufnahmen, Meinungen, manchmal auch Bauchgefühle mit Zahlen drumherum.
Und so bleibt am Ende eine Erkenntnis, die schon Konrad Adenauer kannte: «Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.» Im Medienbetrieb gilt das doppelt.
Heute rechnet man. Morgen wird man überrechnet. Übermorgen schreibt man die nächste Analyse. Und irgendwo in Norditalien, im EU-Raum, setzt sich Kurt W. Zimmermann vermutlich bereits an den nächsten Text. Denn eines bleibt sicher: Der Journalismus lebt von Prognosen. Und von der Gewissheit, dass sie manchmal grandios danebenliegen.
Zum Glück.




