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Freitag
10.04.2026

Medien / Publizistik

Im Gespräch mit dem Klein Report blickt Peter A. Frei auf über fünf Jahrzehnte Sportjournalismus zurück.

Und er äussert sich kritisch zu Klicklogik, Medienkonzentration und Qualitätsverlust im digitalen Zeitalter.

Sie werden für Ihr Lebenswerk geehrt. Wie fühlt sich das an?
Peter A. Frei
: «Das ist natürlich schön, aber ob ich das wirklich verdient habe, müssen andere beurteilen. Ich habe immer einfach das gemacht, was ich am liebsten wollte. Ich war ja nicht in einer wohltätigen Organisation tätig und habe mich in den Dienst der Menschen gestellt, sondern ich war angestellt und habe meinen Beruf ausgeübt. Aber ich hatte das Glück, meinen Job gern zu machen – und das über Jahrzehnte.»

Sie haben den Boom des Printjournalismus erlebt. Was ist seither verloren gegangen – und was hat die Digitalisierung gebracht?
Frei: «Verloren gegangen ist vor allem der fundierte Kommentar. Gerade im Sportbereich gibt es den praktisch nicht mehr. Kommt dazu, dass es immer weniger Platz in den Sportteilen gibt – und der Redaktionsschluss immer früher terminiert ist. Früher habe ich auf der Tribüne noch kurz vor 23.00 Uhr auf die Hermes-Baby eingehämmert. Heute hört man oft schon vor 21.00 Uhr auf. Die Online-Logik hat alles verändert. Dazu kommt, dass aus Randnotizen ganze Geschichten kreiert werden. Irgendjemand kommt zu spät zu einem Anlass, weil die Schwiegermutter krank war – und daraus entsteht eine ganze Seite. Eigentlich unwichtige Dinge werden zu grossen Ereignissen aufgebauscht. Das sind Entwicklungen, die man kritisch sehen muss.»

Sie sprechen die Klicklogik an...
Frei: «Ja, das hat den Sportjournalismus massiv verändert. Heute werden Schlagzeilen oft so formuliert, dass sie Neugier erzeugen – und erst im letzten Absatz steht dann die eigentliche Erklärung. Früher wäre das undenkbar gewesen. Beim «Blick», wo ich lange war, hätte man gesagt: Das ist Leser-Verarschung. Aber heute passiert dies überall – auch bei seriösen Medien. Aber man versteht natürlich, weshalb: Es geht um Klicks und Verweildauer. Das führt dazu, dass der Leser teilweise bewusst in die Irre geführt wird.»

Hat sich auch der Wettbewerb zwischen den Medien verändert?
Frei: «Absolut. Wenn heute jemand eine Primeur hat, hält der vielleicht fünf oder zehn Minuten – dann haben ihn alle. Und er wird teilweise sogar im gleichen Verlag kopiert. Nehmen Sie etwa den Tamedia-Verbund: Der 'Tages-Anzeiger' bringt eine gute Geschichte hinter der Paywall, und kurz darauf übernimmt sie '20 Minuten' aus dem gleichen Haus – und veröffentlicht sie gratis. Das ist Kannibalisierung. Das schwächt das Geschäft insgesamt. In Skandinavien gibt es teilweise Lösungen, um solche internen Konkurrenzsituationen zu vermeiden. Bei uns fehlt das.»

Wie beurteilen Sie die Zukunft des Printjournalismus?
Frei: «Print verliert an Bedeutung, das ist offensichtlich. Gleichzeitig klauen sich die Medien gegenseitig Inhalte, und die Originalität geht verloren. Der Druck, ständig neue Geschichten zu liefern, ist enorm. Ich glaube, die Suche nach der Originalität ist schwieriger geworden – und sie wird fast schon krankhaft verfolgt. Der fundierte Kommentar interessiert offenbar weniger – oder man glaubt zumindest, dass er weniger interessiert. Online wird vieles oberflächlich abgehandelt – und die Leser nehmen sich auch keine Zeit mehr.»

Was macht heute einen guten Sportjournalisten aus?
Frei: «Kompetenz bleibt zentral. Man muss den Sport verstehen und einordnen können. Gleichzeitig wird Storytelling wichtiger. Aber häufig wird heute Boulevard betrieben – und zwar schlechter Boulevard. Dinge werden an den Haaren herbeigezogen. Früher wurde dem Boulevard das manchmal vorgeworfen. Heute ist das vielerorts Standard geworden.»

Sie haben über Jahrzehnte gearbeitet, von den ersten Olympischen Spielen 1972 bis 2018. Sind Sie froh, diese Entwicklung nicht mehr aktiv mitmachen zu müssen?
Frei: «Ja, ehrlich gesagt schon. Die Herausforderungen sind heute andere. Ich habe manchmal gedacht: Gott sei Dank habe ich dieses Problem nicht mehr. Der Wandel der Medien ist weder nur gut noch nur schlecht – er ist einfach da. Aber die Qualität des Journalismus steht unter Druck.»

Zum Schluss: Sie haben Generationen von Sportlern erlebt. Wer ist für Sie die grösste Schweizer Sportfigur?
Frei: «Das ist klar Roger Federer. So jemanden hat es in dieser Form noch nie gegeben – in einer Weltsportart. Früher wurde Ferdy Kübler vom ‚Blick‘ einmal zum Sportler des Jahrhunderts gewählt – eine grosse Figur. Aber Federer ist noch einmal eine andere Kategorie.»