Der Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», Hugo Bütler (61), spricht im Sonntagsgespräch der «SonntagsZeitung» über seinen Nachfolger, das Fest zum 225. Geburtstag und seine engsten Vertrauen. Seit mehr als 20 Jahren steht Hugo Bütler der «Neuen Zürcher Zeitung» als Chefredaktor vor. Wie er im Interview mit der Journalistin Esther Girsberger von der «SonntagsZeitung» ausführt, wurde Bütler früh politisiert. So kann der aus Hüneberg stammende Chefredaktor noch gut seine ersten politischen Erinnerungen benennen. Bütler: «Zuerst Radio-Beromünster-Nachrichten zum Koreakrieg. Dann 1953 zu Stalins Tod. Dann kam in der Sowjetunion das Tauwetter. Da geriet mir auch die NZZ-Sonderausgabe in die Hände. Aber das war Buebezeugs», so Bütler, dessen Vater im Kantonsparlament sass und deshalb zuhause stark politisiert wurde.
Zum Thema Tsunami-Spenden, wo andere Medienhäuser 100 000 Franken gespendet habem, hat Bütler seine eigenen Ansichten: «Innerhalb der NZZ-Gruppe haben verschiedene Unternehmen erheblich gespendet. Das Spenden hat bei uns Tradition. Aber die Not in der Welt zeigt sich nicht allein bei einem Ereignis wie der Tsunami-Katastrophe. Wenn Sie sich mit den öffentlichen Spendenzusagen beim Erdbeben in Bam vor Jahresfrist befassen und feststellen, dass nur ein Bruchteil der zugesagten Gelder auch ausbezahlt wurde, verdienen das Spendeverhalten wie die Spendenverwendung eine kritische Analyse. Wir spenden in unserem Unternehmen, ohne dass wir es an die grosse Glocke hängen.» Gross und prominent waren hingegen die Feierlichkeiten der «alten Dame aus der Falkenstrasse» anlässlich ihres 225. Jubläums. Auf Gisbergers Hinweis, dass es der NZZ-Gruppe wirtschaftlich nicht so gut geht, als dass sich solch teure Festiväteten rechtfertigen, antwortet Bütler. «Wir haben ein leichtes Zelt aufgeschlagen, keinen Fifa-Dom.» Doch Bütler nutzt das Jubiläum auch, um neue Überlegungen anzustellen. «Eine der grössten Herausforderungen für alle Zeitungen ist die Informationsverbreitung über neue Kanäle wie das Internet. Online wird meiner Meinung nach immer noch zu viel gratis angeboten.»
Die NZZ hat nach Angaben von Bütler in den letzten Jahren immer wieder mit Neuerungen aufgewartet. So die Lancierung einer Sonntagszeitung und der Veranstaltungskalender in der Form des «NZZ Tickets». Für die «SoZ» ein «Me-too-Effekt». Das lässt Bütler nicht gelten. «Das sind unhaltbare Behauptungen. Wir haben schon seit Jahrzehnten einen Wochenkalender, der uns allerdings nicht mehr befriedigte. Deshalb lancierten wir das NZZ Ticket, das sich von anderen Veranstaltungskalendern ganz erheblich unterscheidet, da wir auch schweizweit und internationale Hinweise bringen. Spezielle Lektüre am Sonntag haben wir unseren Lesern schon mit einer ab den 1840er Jahren erscheinenden Sonntagsausgabe geboten. Heute tun wir das mit einer neuen Zeitung, der NZZ am Sonntag.»
Eine weitere Feststellung der «SonntagsZeitung»: Bütler und die «NZZ» hätten eine ungeheure Machtposition in diesem Land. Bütler sieht das nicht so: «...Macht? Wenn schon, geht es um Einfluss. Eine Machtposition bedeutet Verantwortung. Die Verantwortung für ein gutes Produkt im Informationsbereich wahrnehmen heisst, die einzelnen Köpfe und das Team sich optimal entfalten zu lassen. Das hat nichts mit einer Ausübung einer Machtposition zu tun, sondern bedeutet Inspiration. Anstossen, wo die notwendige Beweglichkeit im Kopf noch nicht da ist. Massgebend ist, wozu man die Entscheidungsbefugnis braucht.»
Zu den Fragen zu seinem Nachfolger, Bütler ist über 60, hat sich der Chefredaktor schon so seine eigenen Gedanken gemacht, wie er anführt. «Sich zu solchen Fragen zum richtigen Zeitpunkt Gedanken zu machen, ist meine Aufgabe und die der Unternehmensführung. Wir nehmen diese Aufgabe selbstverständlich bewusst wahr. Namen werden aber keine gestreut.» Bütler: «Sie glauben wohl nicht allen Ernstes, dass wir Namen streuen, nur damit diese dann kaputtgeschrieben werden?»
Zuguterletzt antwortet Hugo Bütler auf die Frage, ob er sich nach der Pensionierung, dem Wiederaufbau der FDP widmen werde? «Das wird die Sache von Nachwuchsgenerationen sein. Köpfe und Kräfte, die sich für Freiheit, selbstverantwortliches Leben und ein liberales Gemeinwesen einsetzen, werden später wie heute meine Sympathie haben. Der Freisinn braucht in der Partei und im Wählepublikum neue, starke, junge Geister, welche die Leidenschaft für das Politische entfalten.»
Sonntag
16.01.2005