«Aber auch dieses Mal versuchten Journalisten in weissen Kitteln in die Zimmer zu schlüpfen, um Patienten zu interviewen.»
Das sagte der Walliser Spital-Generaldirektor Eric Bonvin in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Bonvin bezog sich auf das Busunglück in Siders, bei dem 2012 insgesamt 28 Menschen starben, wie er später unter anderem erklärte.
Die Brandkatastrophe in Crans-Montana habe «eine internationale Dimension». «Und damit haben wir unsere Erfahrungen gemacht», so der Klinikdirektor im Interview mit Journalist Benno Tuchschmid, der dazu nachfragte: Was meinen Sie damit?
«Wir wussten (Siders) darum, welche Formen der mediale Druck annehmen kann. Damals drangen Journalisten bis in die Behandlungsbereiche vor. Wir haben deshalb dieses Mal sofort einen Sicherheitsdienst engagiert», wird Bonvin im schriftlich vorgelegten Interview vom 4. Januar zitiert. «Wir hatten die Medieninvasion deshalb besser unter Kontrolle.»
Und dann folgte der fatale Satz: «Aber auch dieses Mal versuchten Journalisten in weissen Kitteln in die Zimmer zu schlüpfen, um Patienten zu interviewen.»
Eine kleine Bombe. Nur, diese Aussage von Eric Bonvin ist falsch.
Auf Anfrage bei Tamedia, Herausgeberin der «SonntagsZeitung», am Mittwoch, erklärte Edi Estermann gegenüber dem Klein Report: «Eric Bonvin hat sich in einem Punkt missverständlich ausgedrückt: Im Gespräch sagte er, dass Journalisten in weissen Kitteln versucht hätten, sich Zugang zu den Patienten-Zimmern zu verschaffen. Wie sich erst im Nachhinein herausstellte, bezog sich diese Episode aber auf die Medienarbeit rund um das Busunglück von Siders 2012. Korrekt war, dass ein Journalist dieser Tage versuchte, in Begleitung eines Angehörigen auf eine Station zu kommen.»
Persönlich.com, die über den Satz eine eigene Geschichte publiziert hatten und bereits wie andere Medien in Medienschelte verfielen, schrieb einen Tag später: «Tamedia und die Kommunikationsstelle des Spitals Wallis schreiben auf Anfrage beide von einem ’Missverständnis’ – allerdings sind sie sich über den Ursprung des Fehlers nicht ganz einig.»
Gemäss Estermann plante die Tamedia-Redaktion am 5. Januar «einen Nachzug zur Arbeit der Journalisten vor Ort», wie er dem Klein Report mitteilte.
Da habe die Kommunikationsabteilung des Spitals Wallis dann die Aussage präzisiert. Die entsprechende Passage sei in der Folge online angepasst und die Leserschaft mit einer Fussnote informiert worden.
Im gut formulierten und interessanten Interview von Benno Tuchschmid sagte Eric Bonvin noch über sich selber, seine Rolle als Generaldirektor sei es, dafür zu sorgen, dass die Leute arbeiten könnten. «Ich musste mich deshalb sehr schnell um das Thema Kommunikation kümmern.»
Das am Samstag vom «Tages-Anzeiger» (Tamedia) geführte 40-minütige Interview wurde gemäss Tamedia-Kommunikationsstelle «aufgezeichnet und von Eric Bonvin gegengelesen und gutgeheissen».
Den kommunikativen Bock, den der Walliser Spital-Generaldirektor da geschossen hatte, korrigierte er gegenüber den Tamedia-Redaktionen.
Bonvin habe dem Journalisten geschrieben, «dass diesen keine Schuld treffe, dass er die Passage beim Gegenlesen nicht geachtet hätte und dass er dies gegenüber Journalisten auch so präzisieren würde», teilte die Tamedia-Kommunikationsstelle dem Klein Report weiter mit.
Keystone-SDA wiederum hatte den Satz am Sonntag in ihrer sonntäglichen Presseschau unter den sogenannten nicht verifizierten Meldungen verbreitet.
Das Gespräch unter dem Titel «Wir alle sind ständig den Tränen nahe» lässt sich auch auf die Reporterinnen und Reporter vor Ort münzen.
Die Redaktion des Klein Reports hatte aus ihrem Journalisten-Pool Informationen von zwei Reportern vor Ort. Beide waren öfters den Tränen nahe, die Berichterstattung ist und war äusserst anspruchsvoll.
Wer länger im Mediengeschäft ist, kennt die Auswirkungen posttraumatischer Belastungsstörungen. Durch die Brandkatastrophe von Crans-Montana könnte dies mit Sicherheit auch einige Reporter treffen.
Deshalb der Appell des Klein Reports: Ganz generell etwas vorsichtiger mit diesem schnellen Reporter-Bashing. Denn irgendjemand muss die Arbeit ja schliesslich im Feld draussen machen.




