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Dienstag
06.03.2007

«Video wird die Zeitungen gewaltig interessieren, und wir dürfen es auf keinen Fall dem Fernsehen überlassen. Jene Zeitungen, die bei diesem Thema schlafen, werden das in einigen Jahren bitter bereuen», sagte Christan Ortner, Chefredaktor der «Vorarlberger Nachrichten» beim European Newspaper Congress, der am Dienstag in Wien zu Ende ging. Mehr als 500 Chefredaktoren und Führungskräfte aus Verlagen diskutierten bei diesem grössten europäischen Zeitungskongress die Zukunft ihrer Medienhäuser.

Das Thema Leserreporter, Blogs, YouTube & Co stand dabei im Mittelpunkt des Interesses. Christian Ortner stellte dabei ein neues Projekt seiner Zeitung vor. Reporter und Fotografen würden als «fahrende Hotspots» ausgestattet. Zusätzlich zu Kamera und Laptop bekämen die Mitarbeiter Videogeräte, mit denen sie Beiträge für das Online-Angebot der Zeitung filmen. Vor Ort werden die Clips geschnitten und sofort ins Internet gestellt. Derzeit befinde man sich noch in der Testphase. Bis Ende des Jahres will man zehn solcher «Hotspots» haben. Je nach Nachrichtenlage sollen von diesen durchschnittlich zehn Beiträge produziert werden.

Das neue Angebot werde vor allem das lokale Fernsehen angreifen und die Zeitung in ihrer Kompetenz dramatisch aufwerten. Nicolaus Fest, bei «Bild» in Hamburg für das Projekt Leserreporter verantwortlich, relativierte indes die Rolle der Amateurjournalisten, die jetzt auch bei Deutschlands grösster Tageszeitung mitarbeiten und dafür Honorare zwischen 100 und 500 Euro erhalten. «Ohne die Hilfe der Leser wird man in Zukunft nicht mehr auskommen.» Täglich erreichten die Redaktion 1000 Bilder. Sechs Fotojournalisten und weitere sechs Journalisten sind damit beschäftigt, das Material zu sichten und bei Bedarf nachzurecherchieren.

«Leserreporter sind kein Instrument, um Geld zu sparen, sondern um die Qualität der Zeitung zu erhöhen», sagte Stefan Herbst, Chefredaktor der «Saarbrücker Zeitung» am Editors Forum in Wien. In Saarbrücken beteiligten sich die Leser vor allem mit Informationen über Brände und schwere Unfälle. «Die Hinweise auf Ereignisse kommen früher als von der Polizei», sagte Herbst.

Für Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten» hilft es mehr, dass seine Zeitung die Leser bereits seit mehr als 140 Jahren einbindet und fürchtet, dass man mit den neuen Leserreportern oft genug «Bullshit» fördert. Der Schweizer Verleger konzentriert sich übrigens als einer der wenigen Verlage im Internet weniger auf Inhalte als auf die Umsetzung von Konzepten für Unternehmen und beschäftigt damit knapp 100 Mitarbeiter. «Wenn Goldgräberstimmung herrscht, muss man Schaufeln verkaufen und nicht selber nach Gold suchen», ist Neiningers Meinung.