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Dienstag
28.12.2004

Die während der Super Bowl Ende Januar kurzfristig entblösste rechte Brustwarze von Janet Jackson hat in den Vereinigten Staaten eine neue Welle des Puritanismus ausgelöst. Schon das Stichwort Nipplegate in Anlehnung an den handfesten Politskandal um den vom damaligen US-Präsidenten Richard Nixon gesteuerten Einbruch in das demokratische Hauptquartier im Watergate-Komplex zeigt, dass den Amerikanern jeder Sinn für vernünftige Proportionen abhanden gekommen ist. Denn seit Popsänger Justin Timberlake seiner Duettpartnerin damals einen Teil des Bustiers herunterriss und damit für Sekunden die mit goldenem Schmuck verzierte rechte Brustwarze Jacksons zu sehen war, ging ein Sturm der moralischen Entrüstung durch die USA.

Die Medien müssen sich seither einer strengen «Sittenkontrolle» unterziehen. «Diese paar Sekunden haben die Obsession wiederbelebt, mit der Unanständigkeit in der Öffentlichkeit in diesem Land wahrgenommen wird», sagt Marty Kaplan, Professor für Kommunikation an der Universität von Southern California. Immer wieder und in Zeitlupe, dafür aber an der entscheidenden Stelle verzerrt, zeigten die Fernsehsender landauf landab die «Skandalbilder» von Michael Jacksons kleiner Schwester. Im Internet wurde das Video von dem Auftritt, dessen Tanzszenen pikanter als die «Enthüllung» selbst waren, einer der beliebtesten Clips überhaupt.

Für die Medien des Landes hatte die Affäre, deren Hauptakteure sicher alles andere als unschuldig waren, schwer wiegende Folgen. Nachdem die Medienaufsicht FCC rund 540 000 Beschwerden erboster Zuschauer und konservativer Interessengruppen erhalten hatte, wurden die Regulierer aktiv. Nicht nur musste der Fernsehsender CBS, der den Vorfall live übertragen hatte, 550 000 Dollar (622 000 Franken) Busse bezahlen. Mehrere andere Sender, die die Bilder gezeigt hatten, wurden ebenfalls mit Strafen belegt. Um sicherzugehen, dass solche «Schamlosigkeiten» nicht noch einmal unzensiert über die Bildschirme flimmern, übertragen die US-Sender zudem seither alle Live-Grossereignisse wie etwa die Oscar-Verleihung mit mehreren Sekunden Zeitverschiebung. So kann Unerwünschtes notfalls noch schnell herausgeschnitten werden, bevor es die Gemüter zu erregen droht. Der allgemeine Aufschrei der Sittenwächter gab im Wahljahr nicht nur den konservativen Kräften Auftrieb, er setzte einen regelrechten Kreuzzug gegen alle und alles in Gang, das in Medien und Unterhaltung als «unanständig» empfunden werden konnte.

Dies trieb seltsame Blüten: Noch zwei Monate nach Nipplegate sagte der Dessoushersteller Victoria`s Secret im April seine gewöhnlich im Fernsehen übertragene Modenschau ab, um Moralaposteln ja keine Angriffsfläche zu bieten. Die Selbstzensur ging so weit, dass mehrere Fernsehsender den Oscar-gekrönten Streifen «Der Soldat James Ryan» von Steven Spielberg am Unabhängigkeitstag aus dem Programm nahmen. Der Grund: einige derbe Schimpfwörter, die in dem Film fallen. Gleichzeitig feierte «Die Passion Christi» des Erzkatholiken Mel Gibson einen phänomenalen Erfolg an den US-Kinokassen. Seit der Janet-Episode herrsche eine Atmosphäre wie bei einer Hexenjagd, diagnostiziert Kaplan, der sich an die frühen Jahre der US-Nation erinnert fühlt. Dabei kritisiert der Wissenschaftler die Doppelzüngigkeit der Moralapostel: Während in der Öffentlichkeit der Puritanismus Hochkonjunktur habe, blühe im privaten Bereich die «Sündigkeit». «In den Augen der Welt müssen wir sehr dämlich aussehen», meint Kaplan. Aber Amerikaner seien schon immer scheinheilig gewesen, was Sex und vulgäre Sprache angehe. - Mehr dazu: CBS muss wegen «Nipplegate» 500 000 Dollar Busse zahlen, CBS zensiert Grammy-Zeremonie nach Wirbel um Janet Jacksons Brust und Entblösste Brust: CBS droht Busse in Millionenhöhe