Content:

Sonntag
25.03.2007

«Machen Blogger die Journalisten überflüssig?» Um diese - nicht mehr ganz taufrische - Frage drehte sich einer der 20 Workshops am Samstag beim «BlogCampSwitzerland» an der ETH Zürich. Der frühere Journalist und Kommunikationsfachmann Jürg Vollmer verglich dabei die Russland-Berichterstattung der klassischen Medien mit jener der Weblogs.

Als Anfang März in Sankt Petersburg bei einer der grössten Demonstrationen seit Jahren Tausende von Menschen mutig gegen die russische Regierung protestierten und schwer bewaffnete Sondereinheiten der russischen Polizei die Demonstranten brutal niederprügelten, fand das schaurige Ereignis in den Printmedien der Schweiz kaum Beachtung. Schweizer Medien leisten sich nach Vollmers Ausführungen «nur drei Korrespondenten in Russland, welche die Berichterstattung besorgen». Und natürlich Nachrichtenagenturen und deren Partner, fügt der Klein Report an.

Jürg Vollmer nannte dies «Informationsinfusion, die Infos aus dem Land nur tröpfchenweise dosieren». Er kritisierte dabei die Funktion von Medienschaffenden als «Schleusenwärter» wie deren nicht immer nachvollziehbare Selektion aus der Nachrichtenlage. Eine von ihm vorgenommene Stichprobe zur Hintergrundberichterstattung über Russland ergab, dass «im Vergleich zu Bloggern (5) Regionalzeitungen und selbst der «Tages-Anzeiger» und die «Neue Zürcher Zeitung» (beide etwa 2,5) deutlich weniger Infos bringen». In diesem Zusammenhang widersprach Vollmer zwar der gängigen Auffassung, wonach Blogger nichts mit Journalismus zu tun hätten, bestätigte jedoch die Einschätzung, dass «von 2500 in der Schweiz betriebenen Blogs gerade mal 1 Prozent journalistisch sind».

Die Mehrheit der Workshop-Teilnehmenden war überzeugt, dass «wegen der zunehmenden Versäumnisse der klassischen Medien mehr und mehr Interessierte Blogs als zusätzliche und ergänzende Info-Quelle nutzen». Weblogs sind für den Referenten «das ideale Komplementärmedium», ganz nach dem Motto: «Unter Blinden (Medien) ist selbst der Einäugige (Blogger) König».

An eine «enorme Zukunft für Blogger» glaubt hingegen Evgeny Morozov vom Info-Portal «Transitions Online» (TOL). In osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern sind Blogger häufig eng mit der politischen Opposition verbunden und einer harschen Repression ihrer Regierungen ausgesetzt. Kritische Weblogs ermöglichen unter totalitären Verhältnissen oft die «einzige Form von Gegenöffentlichkeit». Bürger-Medien («Citizen media»), so Morozov, «sind überall dort besser, wo die Zivilgesellschaft noch schwach ausgeprägt ist». In der Weitläufigkeit Russlands wie in anderen GUS-Staaten bieten Blogs häufig eine «authentische regionale Berichterstattung», von der sich auch professionelle Berichterstatter bedienen. Ein Blick auf http:www.krusenstern.ch und http://www.tol.org