Wer die aktuellen Diversitäts-Leitfäden der Stadt Bern liest, reibt sich verwundert die Augen oder hat genau das erwartet – je nachdem, wo er politisch steht.
Was auf 22 Seiten vordergründig als wohlmeinender Vorstoss für ein inklusives Miteinander daherkommt, entpuppt sich eher als handfestes Instrument zur gesellschaftlichen Umerziehung. Top-down, versteht sich. Ein kritischer Blick auf ein teures Experiment, das die kulturelle Freiheit in Bern beerdigen könnte. Ein Gastkommentar von Journalist Peter Wäch für den Klein Report.
In der Bundesstadt gehört es zum guten politischen Ton, progressiv zu sein. Doch hinter den Kulissen der links-grünen Mehrheit hat sich eine Dynamik entwickelt, die weit über klassische Antidiskriminierung hinausgeht. Deutlich wird dies beim neuen «Leitfaden für eine diversitätsorientierte Kulturförderung». Das Werk wurde nicht in der Verwaltung verfasst, sondern von externen Expertinnen konzipiert. Kritiker sehen den Hintergrund der Autorinnen als aktivistisch; die Herangehensweise ist jedenfalls eindeutig.
Was im Leitfaden auf 22 Seiten niedergeschrieben wurde, ist bei näherem Betrachten die Berner Antwort auf die Quoten-Logik von Netflix & Co., die in der Branche als «Inclusion Rider» gelabelt ist und die Zuschauer zu Schülern einer woken Weltanschauung degradiert. Es geht nicht mehr primär um künstlerische Qualität oder das Abbilden diverser Realitäten, sondern um die Erfüllung soziologischer Checklisten. Der Leitfaden fungiert im Kern als neues «Betriebssystem» der Kulturförderung. Er richtet sich an Fachpersonen und Jurys – jene Gatekeeper, die über Millionen an Steuergeldern entscheiden.
Das Ziel ist eine systemische Transformation: Weg von natürlichen Fähigkeiten, hin zur Ideologie vom Reissbrett. Der Leitfaden soll sicherstellen, dass künftig nur jene Projekte eine Chance haben, die sich Dogmen wie der «Privilegienreflexion» und der «Intersektionalität» unterwerfen. Wer nicht nach diesen Spielregeln den Purzelbaum macht, wird womöglich finanziell ausgehungert – ohne explizites Verbot, dafür durch subtile, prozesshafte Steuerung.
Ein Kernstück dieser neuen Ordnung ist die Sprachpolitik. Im Rathaus ist Sprache schon heute ein moralisches Testgelände. Mit der obsessiven Durchsetzung von Gender-Vorgaben wird ein sprachliches Korsett geschnürt, das den gesunden Bürgersinn verdrängt. Es geht um Macht: Wer die verordnete Neusprache nutzt, signalisiert Zugehörigkeit zur «erleuchteten» Elfenbeinturm-Elite. Die Verwaltung schafft so eine Barriere zu Bürgern, die ihre Sprache nicht wöchentlich im Gender-Labor nachjustieren. Es droht ein Elitismus, der unter dem Banner der «Inklusion» weite Teile der Bevölkerung ausgrenzt und Abweichler sanktioniert.
Noch bedenklicher ist der Vorstoss in die Gedankenwelt durch Konzepte wie die «Unconscious Bias» (unbewusste Vorurteile). Hier wird die These des strukturellen Rassismus verankert. Die Botschaft an die Gesellschaft und Kulturschaffende ist fatal: «Du bist strukturell rassistisch, du weisst es nur noch nicht.» In Kursen sollen Jurymitglieder lernen, ihre Denkprozesse dieser ideologischen Dauerprüfung zu unterziehen.
Dies markiert einen Bruch mit dem liberalen Staatsverständnis: Ein Rechtsstaat hat das Verhalten zu bewerten – nicht die innere Gesinnung. Wenn die Verwaltung beginnt, die Psyche ihrer Untergebenen «therapieren» zu lassen, verlässt sie die Sachpolitik Richtung Indoktrination.
Diese moralische Selbstinszenierung ist teuer. Während sich Bern bei Infrastrukturprojekten im Mittelfeld befindet, leistet sich die Stadt einen wachsenden Apparat aus Fachstellen. Jede neue Richtlinie bindet Ressourcen, die anderswo fehlen oder durch den Finanzausgleich berappt werden. Besonders stossend ist die Abkehr vom Leistungsprinzip: Wenn Gruppenzugehörigkeit wichtiger wird als individuelle Kompetenz, leidet die Qualität. Bern ersetzt Chancengerechtigkeit durch erzwingbare Ergebnisgleichheit – ein Rückfall in kollektivistisches Denken.
Diese Entwicklung ist eine Strategie, um eine politische Agenda dauerhaft zu institutionalisieren. Wahre Toleranz braucht keine staatlichen Leitfäden von Beraterinnen. Sie braucht den Respekt vor dem Individuum und die Freiheit des Wortes. Bern muss sich entscheiden: Stadt für alle Bürger oder teures Labor für soziologische Experimente? Echte Diversität hält auch bürgerliche Ansichten aus, ohne sie als «problematisch» zu stigmatisieren. Und sie implementiert keine Thesen wie die der «Unconscious Bias» ohne Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen. Es ist Zeit, die Verwaltung wieder auf ihre Kernaufgaben zu fokussieren.



