Der ORF hat seinen langjährigen Spitzenmanager Pius Strobl mit sofortiger Wirkung freigestellt. Hintergrund sind mögliche Compliance-Verstösse.
Wie die österreichische Tageszeitung «Der Standard» unter Berufung auf den ORF berichtet, seien bei der internen Compliance-Stelle in den vergangenen Wochen «zahlreiche Hinweise beziehungsweise Meldungen» zu einem möglichen Fehlverhalten Strobls eingegangen.
Der öffentlich-rechtliche ORF hat gegenüber der «Standard»-Redaktion in einer Stellungnahme erklärt, dass Generaldirektorin Ingrid Thurnher die Freistellung angeordnet habe, um eine «unvoreingenommene und unbeeinflusste Durchführung der Untersuchung» sicherzustellen.
Zugleich betonte der Sender, dass die Massnahme keine Vorverurteilung darstelle.
Der 68-jährige Strobl zählt zu den einflussreichsten und bestbezahlten ORF-Managern. Er verantwortete unter anderem den Eurovision Song Contest (ESC) 2015 in Wien sowie das milliardenschwere Bau- und Sanierungsprojekt des ORF-Zentrums.
Gemäss ORF-Transparenzbericht erhielt Strobl 2025 einen Jahresbruttobezug von 469’000 Euro. Sein etwas ungalanter Übername ist denn auch «Gagenkaiser».
Wie «Der Standard» berichtet, kursieren derzeit mehrere mögliche Vorwürfe im Zusammenhang mit der Freistellung. Einer betrifft angebliche Unregelmässigkeiten bei gemeldeten Nebentätigkeiten.
Unternehmer Strobl betreibt neben seiner Tätigkeit beim ORF eine Kommunikationsagentur. Laut «Der Standard» seien Nebeneinkünfte zuletzt nicht mehr in den Transparenzberichten ausgewiesen worden, obwohl frühere Meldungen entsprechende Einnahmen verzeichnet hätten.
Ein weiterer möglicher Vorwurf betrifft laut der Zeitung «Der Standard» Beratungsleistungen im Umfeld des Eurovision Song Contest (ESC). Strobl oder seine Agentur sollen Unternehmen bei Angeboten für Veranstaltungen im ESC-Rahmenprogramm beraten haben. Dazu wollte sich Strobl bisher nicht äussern.
Gegenüber der Nachrichtenagentur APA hatte Strobl zuvor schriftlich erklärt, ihm seien «bis dato keine Gründe und Begründungen bekannt gemacht worden». Zudem verwies er auf eine frühere «Schweigeweisung» des ehemaligen ORF-Generaldirektors Roland Weissmann.
Die Affäre fällt in eine Phase intensiver Compliance-Prüfungen beim ORF. Ein von Generaldirektorin Thurnher eingesetzter Transparenzbeirat untersucht derzeit aktuelle und frühere Fälle.
Ein Zwischenbericht wird noch im Juni erwartet.




