Die Tessiner Tageszeitung «La Regione» hat als erstes Medium öffentlich gemacht, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Tessiner Staatsrat Claudio Zali ein Strafverfahren eröffnet hat.
Auch andere Medien griffen die Meldung am 23. Juli 2026 auf und verwiesen dabei auf die Recherche von «La Regione». Bereits zuvor war über Zalis Intervention im Fall eines 14-Jährigen und über parlamentarische Abklärungen berichtet worden.
Neu war nun die Information über das formelle Strafverfahren.
Gegen Zali wird wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch und versuchte Nötigung ermittelt. Im Zentrum steht eine Sitzung, die er im Zusammenhang mit einem 14-jährigen Jugendlichen einberufen hatte. Der Jugendliche befand sich wegen schwerwiegender Vorwürfe im Untersuchungsgefängnis La Farera und soll der Sohn einer Bekannten Zalis sein. Nach Informationen von «La Regione» wurde das Verfahren bereits Ende Juni eröffnet. Die Ermittlungsbehörden führten Befragungen und Hausdurchsuchungen durch und stellten Dokumente sicher.
Die von «La Regione» rekonstruierte Sitzung fand Anfang Juni statt. Zali hatte dafür Verantwortliche aus Justiz, Strafvollzug und Gefängnismedizin zusammengerufen. Obwohl ursprünglich allgemein über die Betreuung minderjähriger Gefangener gesprochen werden sollte, soll Zali das Gespräch auf den konkreten Fall gelenkt haben.
Er habe verlangt, dass der Jugendliche möglichst rasch aus La Farera entlassen oder in eine andere Einrichtung verlegt werde. Zali soll sich sogar bereit erklärt haben, ihn bei sich zu Hause aufzunehmen. Die anwesenden Fachpersonen seien jedoch nicht auf den Einzelfall eingegangen. Später erklärten leitende Beamte gegenüber einer parlamentarischen Subkommission, sie hätten noch nie erlebt, dass ein Regierungsmitglied eine Sitzung zu einem konkreten Fall einberufen habe, zu dem eine persönliche Verbindung bestanden habe.
Der Fall hat auch politische Konsequenzen. Das Tessiner Parlament leitete eine verstärkte Aufsicht ein. Geprüft wird, ob Zali seine Kompetenzen überschritten oder in laufende Verfahren eingegriffen hat. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Zusätzlichen Druck erzeugen private Audioaufnahmen, die über ein anonymes Instagram-Profil veröffentlicht wurden. Darin sind Aussagen zu hören, die als Verharmlosung oder Befürwortung von Gewalt gegen eine Frau verstanden werden können. Die Präsidenten der Tessiner Kantonalparteien von Mitte, FDP und SP forderten Zali deshalb zu einer öffentlichen Erklärung auf. Sie sehen das Vertrauen in die Institutionen und deren Glaubwürdigkeit berührt.
Zali bezeichnete die Veröffentlichung der Aufnahmen als widerrechtlichen Eingriff in seine Privatsphäre und kündigte rechtliche Schritte an.
Die Recherche unterstreicht die Bedeutung des regionalen Journalismus: Die Tessiner Tageszeitung «La Regione» machte ein bereits laufendes Strafverfahren öffentlich und löste damit eine schweizweite Berichterstattung aus. Sie steht damit am Ursprung einer Affäre, die für Zali sowohl strafrechtlich als auch politisch weitreichende Folgen haben könnte.




