Österreich und Fussball-Weltmeisterschaften: Das ist seit jeher eine Beziehung zwischen Grössenwahn und Seelenkrampf.
Mal träumt sich die Alpenrepublik zur Sportgrossmacht, mal droht der Absturz in die nationale Depression. Beim 3:3 gegen Algerien am frühen Sonntagmorgen spielte sich dieses Drama in der Nachspielzeit in Reinform ab – und mitten drin: ORF-Kommentator Daniel Warmuth.
Als Sasa Kalajdzic in der 96. Minute den Ball zum Ausgleich ins Tor setzte und Österreich damit doch noch in den Sechzehntelfinal köpfelte, hielt es Warmuth nicht mehr auf seinem Platz. «Tooooor! Kalajdziiiiic! 3:3! Bist du deppert!», brüllte er ins Mikrofon. Danach folgte ein Kommentar zwischen Sportreportage, Nervenzusammenbruch und nationaler Gruppentherapie: «Ich habe so etwas noch nicht erlebt, und Sie bestimmt auch nicht.»
In Österreich weckte der Ausbruch Erinnerungen an Edi Fingers legendäres «I wer’ narrisch» beim 3:2 gegen Deutschland an der WM 1978. Nur mit dem Unterschied: Damals war der Sieg historisch, aber sportlich nutzlos. Diesmal brachte das 3:3 Österreich erstmals seit 44 Jahren wieder in eine WM-K.o.-Phase.
Auch medial ist die Szene ein Volltreffer. Der ORF bestätigt gegenüber dem Klein Report am Montag «enorme und enorm positive» Reaktionen. Der Clip gehe, «wie man so schön sagt, weltweit viral». Und das mitten in der Nacht: Das Spiel ab 4 Uhr morgens erreichte auf ORF 1 bis zu 972’000 Zuschauerinnen und Zuschauer; in der zweiten Halbzeit lag der Marktanteil bei 86 Prozent.
Die Frage, wie sehr ein Reporter Fan sein darf, beantwortet der ORF gelassen: Sportberichterstattung lebe auch von Emotionen, «keine Richtlinie der Welt kann und soll authentische Freude verbieten». Neue Vorgaben für Warmuth? «Nein.»
So wurde aus einem Last-Minute-Tor nicht nur ein österreichisches Fussballwunder, sondern auch ein Lehrstück über Live-TV: Manchmal wird ein Reporter nicht berühmt, weil er die Kontrolle behält. Sondern weil er sie im richtigen Moment verliert.




