Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative geraten die publizistischen Fronten durcheinander: «Tages-Anzeiger»-Chefredaktorin Raphaela Birrer spricht von einem «Weckruf» – SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr reagiert scharf.
Und ausgerechnet die «Weltwoche» stellt sich vor die Tagi-Chefin.
Das Nein zur 10-Millionen-Initiative war klarer als erwartet. Doch das mediale Nachbeben hat es in sich.
Raphaela Birrer, Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers», mahnte am Montag unter dem Titel «Das ist ein Weckruf der Bevölkerung», die Gegner der Initiative könnten sich nun nicht einfach «zurücklehnen».
Zwar sei das «politische Erdbeben» ausgeblieben. Die Schweiz verzichte damit auf ein «weltweit einzigartiges Experiment», bei dem die Einwohnerzahl «mit helvetischer Präzision bei exakt 10 Millionen eingefroren» worden wäre. Doch Birrer sieht im hohen Ja-Anteil ein Signal: Breite Teile der Gesellschaft hätten «genug».
Das Wachstum sei für viele längst Alltag geworden: «Explodierende Mieten, Wohnungsnot, überfüllte Züge, Staus auf den Strassen und schlecht integrierte Zuzüger», schrieb Journalistin Birrer. Die Gegner hätten «trotz und nicht wegen ihrer denkwürdigen Kampagne» gewonnen.
Statt auf reale Sorgen einzugehen, hätten sie in «simplen Anti-SVP-Reflexen» die Befürworter pauschal abgekanzelt.
Das brachte Jacqueline Fehr auf die Palme. Die Zürcher SP-Regierungsrätin schrieb auf Social Media: «Nein Raphaela Birrer. Sie sind eine #Wiederholungstäterin.»
Es hätten «nicht die Verlierer gewonnen», so Jacqueline Fehr. Und es seien auch nicht die Verlierer, «die recht haben». Nicht die Linke müsse sich etwas überlegen, sondern «gewisse Medien». Die linksaussen politisierende SP-Frau fragte, wie es komme, «dass nun das klare Resultat schon wieder umgedreht wird».
Dann wurde sie grundsätzlich: Medienhäuser lebten «kommerziell vom Skandal». Ein Ja hätte viel Aufmerksamkeit beschert. Fehr sprach von einer «faktenfreien Umkehrung der Realität» und schloss, man wisse nach diesem Kommentar der Tamedia-Chefredaktorin bereits, «dass man sich das Zeitunglesen in den nächsten Tagen ersparen kann».
Für den Klein Report war nun die «Rollenverteilung» endgültig verrutscht. Ausgerechnet die rechtskonservative «Weltwoche» nahm Raphaela Birrer in Schutz. Journalist Marcel Odermatt schrieb, die Tagi-Chefin habe sich lediglich den «harmlosen Einwurf» erlaubt, die 45 Prozent Ja seien «ein Weckruf».
Fehr beschimpfe die Journalistin nun «aufs Übelste». Der «Tages-Anzeiger» habe ein Anliegen der Volkspartei wohl noch nie aktiv unterstützt und kämpfe «brav an der Seite der Linken». Trotzdem unterstellte Fehr der Tageszeitung nun «faktenfreien Journalismus und kommerzielle Interessen».
Odermatts Pointe in der «Weltwoche»: «Manchmal reicht offenbar schon das Wort ’Weckruf’, um vom Verbündeten zum Verdächtigen zu werden.»
Der Streit zeigt, wie gereizt die Debatte über Zuwanderung, Wachstum und Medien geworden ist. Das Stimmvolk hat Nein gesagt. Ein Teil des kleinen Medien-Zürich diskutiert weiter, als hätte der Abstimmungssonntag erst begonnen.




