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Freitag
26.10.2018

Medien / Publizistik

Zum zweiten Mal hat am Donnerstag der Digitaltag in der Schweiz stattgefunden. Zum zweiten Mal wurde laut der Gewerkschaft Syndicom die Sicht der Arbeitnehmenden ausgeschlossen. Damit hätten die Veranstalter die Chance verpasst, die entscheidende Anspruchsgruppe in die gesellschaftliche Diskussion einzubinden.

Die Medien-Gewerkschaft kritisierte Keystone-SDA und Tamedia für ihr Handeln, hingegen lobte sie den Umgang der Swisscom mit ihrem Personal.

Google, Ringier, SBB, SRG SSR und Swisscom heissen die prominenten Veranstalter des zweiten Digitaltags in der Schweiz. Während sich Ringier-CEO Marc Walder medienwirksam im Zug mit der politischen Elite des Landes ablichten liess, fragte sich Syndicom zu Recht, warum auch bei der diesjährigen Auflage des Digitaltages die Sicht der Arbeitnehmenden ausgeschlossen wurde.

Der Klein Report wollte von Christian Capacoel, Leiter Medien bei Syndicom, wissen, wofür er die erwähnten Veranstalter konkret kritisiert? Capacoel: «Die Veranstalter sprechen zwar den Wandel der Arbeitswelt an und präsentieren die technischen Möglichkeiten. Dabei wird aber vergessen, dass der Wandel aus Arbeitnehmendensicht begleitet werden muss», sagt Capacoel.

«Auch hier braucht es eine breite Diskussion, damit die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden können. Konkret geht es dabei aus Sicht von Syndicom vor allem um folgende vier Themenfelder: Mitbestimmung der Arbeitnehmenden, ein Recht auf Lernen (Weiterbildung oder lebenslanges Lernen), den Schutz von flexiblen Arbeitsverhältnissen und schliesslich Big Data am Arbeitsplatz», so Capacoel.

Weiter wollte der Klein Report von Syndicom wissen, ob es schon konkrete Gespräche zwischen den Unternehmen und der Mediengewerkschaft gab? Capacoel: «Auf sozial-partnerschaftlicher Ebene führte Syndicom solche Gespräche mit Swisscom im Rahmen der GAV-Erneuerung 2018. Wir konnten dort erste Grundsätze verankern. So konnte ein Recht auf fünf Tage Weiterbildung pro Jahr eingeführt und eine Arbeitsgruppe installiert werden, die konkrete Bestimmungen bei Home-Office beziehungsweise mobilem Arbeiten erarbeiten soll», erklärte der Gewerkschafter.

Schade sei hingegen, «dass bei Ringier und in der Medien- und Druckbranche solche Gespräche nicht geführt werden konnten. Vielmehr wird der digitale Wandel auf dem Rücken der Mitarbeitenden ausgetragen. Sprich: Es kommt zu Entlassungen von Mitarbeitenden in den traditionellen Berufsfeldern, weil zu lange oder gar nicht mit der Weiterbildung oder Umschulung und Befähigung der Mitarbeitenden angefangen wurde», ergänzte Capacoel.

«Auf der anderen Seite werden in den wachsenden neuen Geschäftsfeldern mit Fachkräftemangel neue Mitarbeitende angestellt. Ringier hat sich mit dem Austritt aus dem Verlegerverband teilweise auch aus der Sozialpartnerschaft verabschiedet. Immerhin war Ringier bereit, mit Syndicom eine Vereinbarung über die Arbeitszeiterfassung abzuschliessen. Dort hapert es derzeit noch bei der lückenlosen Umsetzung. Dass viele Medienunternehmen die Zeichen der Zeit, was den Einbezug der Arbeitnehmenden betrifft, nicht erkannt haben, zeigen die Konflikte bei Keystone-SDA und Tamedia Romandie.»

Gerade weil bei den erwähnten Unternehmen viel Gesprächsstoff vorhanden sei, favorisiere Syndicom die konstruktive Auseinandersetzung: «Wir begrüssten eine offene Diskussion, die die Arbeitnehmendensicht konsequent einschliesst. Fände man auf der sozialpartnerschaftlichen Ebene begleitende Massnahmen zur Digitalisierung, könnte man auf der gesellschaftlichen Ebene den herrschenden Ängsten entgegenwirken. Am Ende profitierten davon nicht nur die Arbeitnehmenden, sondern die Wirtschaft und die Demokratie. Der in den letzten Jahren zu beobachtende Aufstieg politischer Kräfte mit autoritärer und nationalistischer Ausrichtung hat auch damit zu tun, dass keine sozialen Antworten auf den Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung gefunden wurden», resümierte der Medien-Gewerkschafter.

Syndicom ist auch der Meinung, dass Unternehmen dem Innovationsdruck nur gerecht werden können, wenn sie die Partizipation der Angestellten stärken: Durch mehr Verantwortung, Empowerment und Mitbestimmung. Der Klein Report wollte von Capacoel zudem wissen, ob es auch vorbildliche Medienunternehmen gibt, die ihre Mitarbeiter tatsächlich in diesem wichtigen Prozess miteinbeziehen?

«Swisscom ist hier aus Sicht von Syndicom Vorreiter. Neben verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen, in denen die Mitarbeitenden Einsitz haben und mitwirken können, kennt der GAV Freistellungen von Personalvertretungen von je nach Funktion 10 bis 50 Prozent der Arbeitszeit und einen umfassenden Kündigungsschutz von Personal- und Gewerkschaftsvertreter», erklärte Capacoel.

«Zudem konnte mit Swisscom eine Vereinbarung zu Big Data am Arbeitsplatz vereinbart werden. In diesem Reglement `Smart Data Grundsätze` ist neben den Pflichten und Rechten (Informationspflicht, Verwendungszweck, Speicherdauer und anderes) auch die Mitsprache festgehalten. Sie erfolgt über eine paritätische Kommission, die sich aus Arbeitnehmenden- und Arbeitgebervertretern zusammensetzt.»

Swisscom geht also mit gutem Beispiel voran. Wer hat laut Syndicom hingegen noch Nachholbedarf? Capacoel: «Im Fokus steht sicher Tamedia, wo Restrukturierungen ohne Einbezug der Mitarbeitenden und intransparent durchgedrückt werden. Deshalb brechen Konflikte offen aus, wie bei `Le Matin` in der Romandie, oder schwelen unter der Oberfläche wie etwa bei `Bund`, BZ oder Editorial Services.»