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Mittwoch
30.01.2019

Medien / Publizistik

In der Finanzbranche «Persona non grata»

«Auch ich habe mich vom Vorzeige-Banker Pierin Vincenz blenden lassen.» Das gab Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser in seiner Laudatio für Lukas Hässig zu, der am Montagabend vom Branchenmagazin «Schweizer Journalist» als «Journalist des Jahres» ausgezeichnet wurde.

In Rutishausers Worten schwang viel Anerkennung für den Autor des Finanz-Blogs «Inside Paradeplatz» mit. Hässig sei fast überall unbeliebt, offiziell würden seine Artikel nirgends gelesen - und doch redeten alle über die Recherchen des Einzelkämpfers gegen die Grossen und Mächtigen.

Zuvor machte sich CVP-Präsident Gerhard Pfister einmal mehr seine Gedanken über zeitgemässen Journalismus. Verleger Johann Oberauer, der den charmanten Rahmen als Gastgeber des Abends gewährleistete, hatte den Politiker eingeladen, nachdem ihn dieser bei der Dreikönigstagung mit seinen medialen Beobachtungen beeindruckt hatte.

Pfisters Forderung in Richtung der Schreibenden: «Runter vom Panoptikum», runter vom hohen Turm der Deutungshoheit. Die Zeiten hätten sich mit der Digitalisierung geändert, erklärte der Politiker, denn «alle sind nun auf gleicher Höhe und sehen gleich viel».

Pfisters These wurde zumindest teilweise widerlegt. Denn der grosse Sieger das Abends war einer, der eben nicht gleich viel, sondern mehr gesehen hatte als alle anderen: Lukas Hässig deckte die unsauberen Millionen-Zahlungen auf das Konto des damaligen Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz auf. Und das machte ihn in der Finanzbranche zur «Persona non grata». Die Raiffeisen-Spitze hingegen hat die Recherchen des Journalisten nicht überlebt. Durch die Affäre mussten alle den Hut nehmen.

Der für journalistische Verhältnisse fast übermässig gelobte Lukas Hässig freute sich sichtlich über die Anerkennung seiner Arbeit und bedankte sich locker auf der Bühne stehend, mit den Händen in der Hosentasche, bei seinen Kolleginnen und Kollegen. Diese hatten ihn sogar mit einem Rekordergebnis zum «Journalisten des Jahres» gewählt.

Auch Michèle Binswanger («Gesellschaftsjournalistin des Jahres»), Silvia Süess, Kaspar Surber, Yves Wegelin («Chefredaktion des Jahres»), Jean-Martin Büttner («Kulturjournalist des Jahres») und Kurt Pelda («Recherche-Journalist des Jahres») nahmen ihre Preise in Zürich persönlich entgegen.

Daneben glänzten mehrere Sieger durch Abwesenheit. Nina Kunz und Daniel Binswanger, die beiden «Kolumnisten des Jahres», fehlten genauso wie die Tennis-Kommentatoren Heinz Günthardt und Stefan Bürer, die zu den «Sportjournalisten des Jahres» gewählt wurden.

Das SRF-Duo war zum Zeitpunkt der Preisvergabe noch im Flugzeug, irgendwo zwischen Melbourne und Zürich, nachdem sie am Wochenende noch bei den Australian Open im Einsatz waren. Ihre humorvolle Dankesrede hatten sie deshalb im Vorfeld aufgezeichnet, genauso wie Susanne Wille. Die «Polit-Journalistin des Jahres» meldete sich per Videobotschaft aus den Ski-Ferien zu Wort und beklagte mit einem Augenzwinkern, dass bei der Terminsetzung der Preisverleihung die Aargauer beziehungsweise deren Ferien-Kalender nicht berücksichtigt wurden.

Für viel Gesprächsstoff sorgte insbesondere Daniel Ryser, gekürt als «Reporter des Jahres». Der Journalist liess das Publikum mit zwei Schreiben aufhorchen, verfasst an einem weissen Sandstrand in Mexiko, wie er genüsslich schilderte.

«Er hat uns einen Brief geschrieben und eine Stunde später noch einen zweiten Brief», berichtete Manuela Paganini, die die Preisverleihung erstmals moderierte. Ryser habe sich im letzten Jahr überlegt, von einem hohen Dach hinunterzuspringen, las Paganini aus dem ersten, äusserst irritierenden Brief vor. Im zweiten Brief ruderte Daniel Ryser zurück - «alles viel zu dramatisch», liess er ausrichten.

Der Elefant im Raum der Journalisten war am Montagabend Kurt W. Zimmermann. Viele der Anwesenden warteten im Museum für Gestaltung in Zürich vergeblich auf den letzten grossen Auftritt des scheidenden Chefredaktors, der beim «Schweizer Journalisten» durch David Sieber ersetzt wird.