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Mittwoch
16.01.2019

Medien / Publizistik

«Rundschau» bezweifelte Walkers Schuld

Der epochale Prozess um den ehemaligen Cabaret-Besitzer Ignaz Walker wird noch einmal komplett neu aufgerollt. Auf Geheiss des Urner Regierungsrates wird untersucht, welche Rolle die Medien im unrühmlichen Justiz-Zickzackkurs gespielt haben.

Der Fall Walker ereignete sich am 12. November 2010, als dessen Ex-Ehefrau angeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde. Schnell fiel der Verdacht auf den Milieuwirt aus Erstfeld, einen Auftragsmörder auf seine frühere Partnerin angesetzt zu haben.

Erst Ende November 2018 wurde der Prozess mit Urteil des Bundesgerichts endgültig abgeschlossen. Zuvor musste das höchste Gericht mehrmals korrigierend eingreifen, weil das Urner Obergericht zunächst prozessuale Fehler machte und dann auch noch diverse Indizien ausser Acht liess.

Das sagenhafte Hin und Her beschäftigte auch die Medien, allen voran das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). In der «Rundschau»-Redaktion machte eine alternative Version des Tathergangs die Runde, wonach nicht Ignaz Walker den Auftragsmörder angesetzt hätte. Stattdessen soll dessen Ex-Frau den Mordversuch gemeinsam mit ihrem neuen Freund inszeniert haben.

Kronzeuge für die Theorie der «Rundschau» war der Auftragsmörder selber, der Kroate Sasa S. – gemäss psychiatrischem Gutachten notabene ein pathologischer Lügner. SRF weigerte sich später, vom Gericht angeforderte Akten vollständig herauszugeben. Das Bundesgericht schrieb später sogar offen von versuchter «Manipulation» durch den Fernsehsender, wie der Klein Report mehrfach berichtete.

Nun schreibt der Fall Walker sein vielleicht letztes Kapitel: Sasa S., der inzwischen seine Haftstrafe wegen versuchten Mordes abgesessen hat, wird erneut der Prozess gemacht. Der neue Vorwurf: Falsche Anschuldigung und Irreführung der Rechtspflege. «Jetzt hat ein ausserordentlicher Staatsanwalt, der vom Kanton Uri eingesetzt worden war, gegen Sasa S. Anklage erhoben», berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» am Dienstag dazu.

Auch die Kritik an der Medienarbeit des SRF wird deshalb noch einmal laut: Gemäss NZZ hätte die «Rundschau» merken müssen, dass sie ihre ganze Komplott-Theorie auf die Aussagen eines Lügners stützte. So habe sich Sasa S. im Interview mit den SRF-Redaktoren in mehrere Widersprüche verstrickt, die von der «Rundschau» allerdings später rausgeschnitten worden seien. Dies gehe aus einer Rohfassung des Interviews hervor, die der NZZ vorliege, wie die Zeitung schreibt.

Die Rolle des SRF und weiterer Medien soll «aus medienwissenschaftlicher, medienethischer und juristischer Sicht» ein letztes Mal aufgerollt werden, erklärte der Urner Regierungsrat am Dienstag in einer Pressemitteilung.

Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der ZHAW in Winterthur, wurde mit der Untersuchung beauftragt. «Die wissenschaftliche Arbeit soll dabei helfen, den Fall auch im Hinblick auf die behördliche Kommunikationsarbeit aufzuarbeiten und entsprechende Erkenntnisse daraus zu gewinnen.»