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Mittwoch
14.3.2018

Medien / Publizistik

Fast 50% nannte «Berichterstattung einseitig»

Als die «Essener Tafel», ein ehrenamtlicher Verein, der überschüssige Lebensmittel sammelt und an sozial Benachteiligte verteilt, vor zwei Wochen verkündete, dies nur noch für Menschen mit deutschem Pass zu tun, lief das Shitstorm-Karussell in den Medien heiss.

Für den Klein Report schreibt Medienexpertin Regula Stämpfli über die Tafeln, deren Thema aus ihrer Sicht nicht der Rassismus, sondern das Versagen der vierten Gewalt ist.

Als letztes Jahr die Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung zur Medienberichterstattung in der Flüchtlingskrise erschien - der Klein Report berichtete -, blieb eine langfristige und weiterführende Diskussion in den deutschen und auch in den schweizerischen Medien leider aus. Zu schmerzhaft waren die Befunde für das Selbstbild der Journalisten.

Die meisten Berichte drehen sich um die politische Elite und deren Reaktion auf den Satz «Wir schaffen das» - und nicht darum, wie die Flüchtlinge tatsächlich aufgenommen, versorgt und vor Ort integriert werden, welche Stellen verantwortlich sind, wie die Stimmung in der Bevölkerung und wie das ehrenamtliche Engagement vor Ort ist.

Zudem inszenierte der «auktoriale» Duktus - die Vertrautheit, die persönliche Nähe - zur politischen Elite den Schlagabtausch unter Mandatsträgern, statt sich um das Thema «Aufnahme von Hunderttausenden von Flüchtlingen» zu kümmern.

Und die Sorgen, Ängste, die Hilfsbereitschaft und politischen Aktionen vor Ort, die Organisation, Versorgung und die Infrastruktur der Bevölkerung waren kein Thema. Das Megathema «Flüchtlinge in Deutschland» erfuhr erst mit der Silvesternacht 2015/2016 Aufmerksamkeit: «Es entsteht der Eindruck, als wollten viele Journalisten jetzt überfleissig nachholen, was sie zuvor versäumt hatten.»

Die Medienwirkung: «Drei Viertel der erwachsenen Bevölkerung informierten sich über die Vorgänge zum Komplex Flüchtlinge/Willkommenskultur mit Hilfe der klassischen Medien.» Nach dem Sommer 2015 nannte - ein Novum in der deutschen Geschichte - fast jeder zweite Befragte die «Berichterstattung einseitig», so der Studienautor Michael Haller. Dies war der Auftakt zu den tiefen Zweifeln an der Unabhängigkeit der klassischen Medien.  

Wie brisant die Ergebnisse waren, realisierte ich, als ich letztes Jahr die Studie im Deutschlandfunk mit einer befreundeten Redaktorin besprechen wollte. Nach ein paar Sätzen warf sie mich wutentbrannt und empört einfach raus. 

Dabei geht es Michael Haller nicht um ein Medienbashing, sondern um ein Aufzeigen der wesentlichen Defizite innerhalb der Demokratie. 

Der Gleichklang der Medien mit Regierungsparteien und Regierung blockiert die klassischen Aufgaben der vierten Gewalt, die in Recherche, Kontrolle und vor allem vor Ort und nicht in den Pressesälen der Pressesprecher erledigt werden müssen. Hallers Studie zeigt die normativen Anforderungen an den Informationsjournalismus auf. Dieser besteht nicht in erster Linie darin, die Strategien und Intentionen der politischen Akteure zu vermitteln, sondern politisches Handeln aus unabhängiger Sicht kritisch zu beobachten und die wichtigen gesellschaftlichen Grosswetterthemen nicht ausser Acht zu lassen. 

Dies bedeutet: Qualitätsjournalismus gibt viel zu tun. Qualitätsjournalismus findet vor Ort statt. Qualitätsjournalismus bedeutet Recherche, offene Fragen und den Mut zur Kritik in der Nähe - und nicht lediglich Kommentare von fern. 

Die «Tafeln von Essen» lancierten einen Hilferuf. Sie zeigen auf, dass sich das «Wir schaffen das» der Bundeskanzlerin Angela Merkel in ein «Ihr schafft das schon» verwandelt hatte. Sofort erfolgte der Rassismus-Vorwurf gegen die Tafeln in den Medien. Selbst die Bundeskanzlerin Merkel äusserte sich negativ über die Tafeln - eine Organisation, die sich mit tausenden von Ehrenamtlichen den Leib aufreisst, um den Bedürftigen in diesem Land zu helfen. 

Doch die Tafeln wehrten sich und erinnerten die klassischen Medien wieder an ihren Job. Nicht die langweiligen Groko-Verhandlungen sind das entscheidende Thema in Deutschland, sondern die Armut, die Bedürftigkeit, die soziale Löchrigkeit in Deutschland. Überall glänzt es in schwarzen Lettern, wie gut es Deutschland und den Deutschen gehe, während sich alle vor Ort - selbst im reichen München - über solche Befunde erstaunt die Augen reiben. 

Qualitätsjournalismus orientiert sich an Bürgerinnen und Bürgern, nicht an der politischen Elite oder politischen Schlagwörtern. Was sich in Essen an den Tafeln abspielte, hat nicht mit Rassismus, dafür umso mehr mit dem Versagen der Mediendemokratie zu tun. Konzentrieren sich Medienberichte auf innerelitäre Kommentare, fehlt nicht nur die Kontrolle der Regierenden, sondern es fehlen die wesentlichen politischen Themen, die sich nicht aus Umfragewerten, sondern aus der Realpolitik ergeben.