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Donnerstag
29.11.2018

Medien / Publizistik

«Es geht uns allen im Newsroom nahe»

Mit der Einstellung der Gratiszeitung «Blick am Abend» werden bei Ringier die Weichen neu gestellt. Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, sagt im Interview mit dem Klein Report, weshalb die Pendlerzeitung künftig nur noch digital geführt wird, wer davon betroffen ist und ob als nächstes die Printausgaben von «Blick» und «SonntagsBlick» zur Debatte stehen.

Der «Blick am Abend» zählte zuletzt 550`000 Leserinnen und Leser (MACH Basic 2018-2). Weshalb lässt sich diese Reichweite nicht wirtschaftlich nutzbar machen?
Christian Dorer
: «Ja, das tut weh, denn bei den Leserinnen und Lesern kommt der `Blick am Abend` gut an. Wir leiden am rückläufigen Werbemarkt und haben es nicht geschafft, genügend Anzeigen für `Blick am Abend` zu generieren. Inserenten gehen davon aus, mit Print-Inseraten am Morgen bessere Wirkung zu erzielen als am Abend. Und da eine Gratiszeitung einzig von den Werbeumsätzen lebt, wiegt das dann natürlich doppelt schwer.»

Inwiefern spielt der Umstand eine Rolle, dass Ringier die Druckerei in Adligenswil per Ende Jahr einstellt, wo der «Blick am Abend» bislang gedruckt wurde?
Dorer
: «Das hat keinen Zusammenhang. Der `Blick am Abend` wurde bereits in der Vergangenheit nicht einzig in der Druckerei Adligenswil gedruckt, sondern auch bei externen Dienstleistern, weil die Zeitung sonst nicht rechtzeitig in der ganzen Deutschschweiz verteilt gewesen wäre.»

Ist das Geschäftsmodell «Pendlerzeitung» generell an ein Ende gekommen? Oder hat es neben «20 Minuten» schlicht zu wenig Platz auf dem Markt?
Christian Dorer
: «Das müssen andere beurteilen. Wir haben für den `Blick am Abend` die Zukunft im digitalen Bereich definiert, ganz stark auf Social Media. Dort ist der `Blick am Abend` bereits heute die stärkste Marke der Blick-Gruppe. Deshalb bleiben wir mit ihm am Markt, allerdings nur noch in digitaler Form.»

Können Sie aufzeigen, wie sich die wirtschaftliche Situation innerhalb der Blick-Gruppe verändert hat?
Christian Dorer
: «Die Schliessung von `Blick am Abend` Print und der Druckerei in Adligenswil verbessern die wirtschaftliche Situation der Blick-Gruppe nachhaltig. Wie bei allen Medienmarken verschieben sich die Werbeeinnahmen von Print hin zu den digitalen Kanälen. Darauf müssen wir reagieren. Die Einstellung der gedruckten Ausgabe vom `Blick am Abend` ist dafür ein Beispiel.»

Weshalb trifft es den «Blick am Abend» und nicht einen anderen Print-Titel?
Dorer
: «Die Marke spricht ein sehr junges und urbanes Publikum an. Für viele junge Leute ist der `Blick am Abend` der Einstieg in die Marke Blick. Aber gerade diese Zielgruppe konsumiert Medien auf den neuen Kanälen und immer weniger im ältesten Kanal, der gedruckten Zeitung. Dem müssen wir Rechnung tragen. Online wiederum gibt es eine ganz klare Trennung zwischen blick.ch als Newsplattform und `Blick am Abend` für Spass, Freizeit und Unterhaltung. Unsere Leser sollen `Blick am Abend` künftig auf dem Handy-Screen geniessen, statt auf Papier.»

Bei der Blick-Gruppe gibt es weitere Anpassungen, darunter beim Verlag und im Newsroom: Worum geht es hier konkret?
Christian Dorer
: «Es geht um die Anpassung des Newsrooms und des Verlags an eine Situation, in der es ab dem 21. Dezember keinen gedruckten `Blick am Abend` mehr gibt. Schreibende Journalisten sind davon kaum betroffen, da wir komplett konvergent arbeiten und die meisten Inhalte digital weiter erscheinen. Unser ganz junges `Blick am Abend`-Onlineteam wird sogar mehr denn je gefordert sein. Die Produktion der gedruckten Ausgabe hingegen fällt weg, ebenfalls die Verlagsarbeiten. Gleichzeitig organisieren wir gewisse Bereiche im Newsroom neu, allen voran die Bildredaktion. Einerseits aus wirtschaftlichen Gründen, anderseits um Mittel frei zu machen für künftige Investitionen in die Marke Blick.»

Total elf Mitarbeitende sind von den Umstellungen betroffen. In welchen Bereichen arbeiten diese Personen?
Dorer
: «Zuerst: Diese Entlassungen sind das wirklich Einschneidende des heutigen Tages und gehen uns allen im Newsroom nahe, weil das alles gute, fähige Leute sind, von denen wir uns allein aus wirtschaftlichen Gründen trennen müssen. Neun der Betroffenen arbeiten im Newsroom, zwei im Verlag: in der Bildredaktion, im Storytelling-Team, im Korrektorat, in den News und im Marketing. Fünf treten ihre Pension vorzeitig an, für die Übrigen gilt der Ringier-Sozialplan.»

Können Sie beschreiben, welche Veränderungen die Produkte der Blick-Gruppe durchmachen müssen, um in Zukunft wirtschaftlich zu sein? Sind die Print-Ausgaben von «Blick» und «SonntagsBlick» die nächsten Opfer des digitalen Wandels?
Christian Dorer
: «Ganz klar Nein! Die gedruckten Ausgaben von `Blick` und `SonntagsBlick` stehen nicht zur Debatte. Sie befinden sich in einer ganz anderen Situation, da sie neben Werbe- auch Lesermarkterlöse erzielen. Auch publizistisch sind sie von entscheidender Bedeutung für die Blick-Gruppe. Wir werden auch die gedruckten Zeitungen weiterentwickeln, ebenso wie die digitalen Plattformen. Vor wenigen Wochen haben wir die neue News- und Sport-App lanciert, aber auch die bereits äusserst erfolgreiche App `Blick Live Quiz`. Auch inhaltlich haben wir hohe Ambitionen: Blick soll der Ort sein, wo man hingeht, wenn etwas passiert. Wir wollen Antworten liefern zu allen grossen Fragen, den wichtigsten Akteuren eine Plattform bieten, unsere User noch viel stärker mit einbeziehen - wie zum Beispiel mit den `Blick-Live-Talks`, die wir derzeit mit allen vier Bundesratskandidaten durchführen. Ich kann Ihnen versprechen: Sie werden in den nächsten Jahren viel von Blick hören!»